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Ostholstein Der Fledermaus droht das Aus
Lokales Ostholstein Der Fledermaus droht das Aus
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22:19 09.08.2018
Axel Kramer aus Dahme ist seit Jahren aktiv im Fledermausschutz tätig. Er bietet unter anderem abendliche Führungen zu den Hotspots im Kreis an.
Ostholstein

„Eigentlich ist es nicht mehr nur fünf vor zwölf . . . “, sagt Axel Kramer aus Dahme, einer der führenden Fledermaus-Experten in Ostholstein: „. . . es ist bereits halb eins.“ Nicht nur Kramer, auch seine Kollegen von der Arbeitsgruppe Fledermausschutz (AGF) am Bad Segeberger Kalkberg berichten, dass der Bestand an Fledermäusen einzubrechen drohe. Ursächlich dafür ist laut Kramer, dass es immer weniger Nahrungs-Insekten gebe.

Die Anzeichen verdichten sich immer mehr – und sie bereiten Naturschützern in Ostholstein und den Nachbarkreisen zunehmend Sorge: Zunächst gab es immer weniger Insekten. Jetzt zeigt sich an Seen, in Gärten und Eiskellern, dass auch die Population der Fledermäuse einbricht.

Einfache Hilfe

Das Einheitsgrün vielerorts ist für Bienen, Hummeln und Schmetterlinge ökologisches Ödland. Seedballs helfen, die Unwelt wieder bunter zu machen. Die Samenbälle platzen bei Regen auf und sorgen für ökologische Vielfalt.

Ein Umstand, den der Naturschutzbund (Nabu) in Schleswig- Holstein auch gerade untersucht. Am vergangenen Wochenende startete er die Aktion „Zählen, was zählt“. Die Teilnehmer sollen bis 12. August in heimischen Gärten eine Stunde lang Insekten zählen und ihre Ergebnisse melden. Die Aktion ist noch nicht ausgewertet, Fachleute sehen aber schwarz.

Zurück zu Axel Kramer, der sich seit Jahren in ganz Ostholstein um das Wohlergehen der Tiere kümmert, private Fledermaus-Schützer mit einer Tafel „Fledermaus- freundliches Haus“ auszeichnet und abendliche Führungen anbietet. Er liefert einen simplen Vergleich: „Fische haben eine Brut von 100000 Eiern, da kommen immer genügend durch. Fledermäuse bringen aber nur ein bis zwei Junge zur Welt. Daran erkennt man, wie gefährdet die Population durch Veränderungen ist.“

Beispiel Breitflügelfledermaus: sie lebt von der Landwirtschaft, davon dass Kühe auf der Weide stehen, im Dunghaufen Käfer und andere Insekten leben, die Nahrung für die nachtaktiven Jäger sind.

Kramer: „Doch wo finden wir noch Kühe auf einer Weide? Sie stehen heute im Stall und sind mit Medikamenten vollgepumpt. Ihr Dung ist ein giftiger Cocktail geworden, kein Lebensraum für Insekten!“

Sorgen um die Fledermäuse machen sich aber nicht nur ausgewiesene Naturschützer und die Verbände, es sind auch immer mehr Privatpersonen, die im Naturschutz aktiv sind. So wie Henning von Ludowig (80), Besitzer von Gut Petersdorf bei Lensahn. Vor 20 Jahren hat er gemeinsam mit Gerhard Gollan (Beusloe) und Unterstützung des Rotary Clubs Oldenburg den ehemaligen Eiskeller auf dem Gutsgelände in ein Winterquartier für Fledermäuse umgebaut. Mit großem Aufwand wurde der Eiskeller aus dem Jahr 1810, der im Zuge des Neubaus des Petersdorfer Herrenhauses entstand, 1997 aufwendig erneuert. Bis 1900 war er Kühlschrank für die herrschaftliche Küche. Danach lag der Eiskeller brach. Bis von Ludowig ihn zum Winterquartier für Fledermäuse umbaute. Von außen ist nur ein winziges reetgedecktes Häuschen mit einer Einstiegsluke zu erkennen, darin geht es aber 4,50 Meter über eine Metallleiter in die Tiefe, unten ist es kühl und immer frostfrei. Ein ideales Quartier für Fledermäuse.

„20 Jahre lang hat das bestens funktioniert“, sagt Henning von Ludowig. „Durch eine kleine Öffnung im Dach flogen Langohr-, Wasser- und Fransenfledermäuse hinein und überwinterten in den Fugen des dunklen Schachtes.“ Doch in diesem Frühsommer sei alles anders: „Die Zahl der überwinternden Fledermäuse erreichte gerade mal die Hälfte der Vorjahre.“

Erschreckt waren auch Axel Kramer und der Leiter des Hauses der Natur in Cismar, Dr. Vollrath Wiese, bei ihrem jüngsten Besuch am Cismaraner Mühlenteich – sonst ein Hotspot für Fledermäuse. Kramer:

„Wo es in den Vorjahren in der Abenddämmerung nur so schwirrte, war jetzt nichts mehr, maximal ein bis zwei Tiere haben wir noch gesehen.“ Die Zeichen stünden kreis- und landesweit auf Alarm. Dennoch gibt sich Kramer optimistisch: Durch Aktionen wie das Begrünen von Seitenstreifen und Pflanzflächen mit Saatkugeln (siehe Infostück) könne jeder helfen, Insekten Lebensraum zu geben und so helfen, den Fortbestand der Fledermäuse zu sichern.

Louis Gäbler

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