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Lokales Ostholstein Der Jesus-Comic von Bosau
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20:21 13.04.2017
Drei der fünf Brooks-Schwestern in der Petrikirche vor der Nordempore: Lisa Brooks, Christel Brooks und Antje Fink, geb. Brooks (v. l.). Quelle: Fotos: Peyronnet

Sage niemand, Comics seien eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. In der Bosauer Petrikirche hängt ein Jesus-Comic, und das schon seit 1656. Die 20 Bilder sind an der Nordempore angebracht, erzählen die Geschichte von Jesu Leid, Sterben und Auferstehung und wurden von Bosauer Familien finanziert, von denen sich heute noch einige identifizieren lassen.

Die Bilderreihe über Leben und Tod des Gottessohnes wurde von Einwohnern finanziert.

Die Nordempore wurde während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) errichtet. In der unmittelbaren Nachkriegszeit malten Hans Welcker und Hans Stoltz die 20 Bildtafeln. Pastor Gerhard Janus, der von 1644 bis 1664 in Bosau predigte, soll die Sprüche unter den Bildern gedichtet haben. Bilder wie Dichtung sind nicht unbedingt ganz große Kunst, aber volksnah. So schrieb Janus unter das Bild vom Gebet im Garten Gethsemane in damaliger Rechtschreibung: „Jesu hie schwitzest tu blutigen schweiß, führst mich dadurch ins paradeiß.“

Die Bilder selbst sind bunt, beinahe kindlich, und für Christen auf den ersten Blick lesbar. Als sie entstanden, waren viele Menschen Analphabeten. Der Jesus-Comic ermöglichte es ihnen, die Leidensgeschichte Jesu nachzuvollziehen. Gehört hatten sie diese als eifrige Kirchgänger sicher oft.

Was den Bosauer Comicstrip vor allem interessant macht, ist das Schriftband oberhalb von ihm. Dort ist vermerkt, wer wie viel Geld gab, damit die Bilder gemalt und angebracht werden konnten, und woher die Spender kamen. Es waren Lübecker darunter, aber auch Menschen aus der unmittelbaren Umgebung, etwa aus Bichell (damalige Schreibweise) die Familie Kassche (heute: Kasch und noch immer in Bichel ansässig), die zwölf Mark gab. Andere Spender namens Geerken kamen aus Thürke (heute Thürk), außerdem ist die Familien Tamm aus Hassendorpff (alte Schreibweise) und Franz Jappe aus Budendorpff genannt.

Die Familie Brooks ist nicht aufgeführt, obwohl sich Joachim (Jochim) Brooks gerade in der Zeit der Entstehung der Bilder als Wohltäter und Spender für die Bosauer Kirche hervortat. Die Familie Brooks ist wie noch einige andere seit Anbeginn in Bosau ansässig. Antje Fink, geborene Brooks, eine von fünf Brooks-Schwestern, berichtet, dass ihre Familie, die Familien Schwien (heute Brackrade) und noch einige andere von Heinrich dem Löwen aus Holland geholt wurden, um „das Land zu entsumpfen“. Das war 1152, wie die Slavenchronik von Helmold von Bosau belegt.

Als gute Bürger waren die Brooks stets bereit, etwas für die Kirche zu spenden. Die Brooks- Schwestern können viel über die Familiengeschichte und die Kirche erzählen, und ihnen sagen auch die Namen über dem Jesus-Comic etwas. Etwa Franz Jappe. Der Familie Jappe, berichten die Schwestern, gehörte der Alte Meiereihof. Wo Budendorpff gewesen sein soll, wissen die Schwestern allerdings nicht.

Jochim Brooks, der aus Bosau stammte und es unter dem Namen Brokes in Lübeck zu Ansehen gebracht hatte, hat nach der Überlieferung nichts zu den Bildern dazugegeben. Vielleicht, weil er schon tot war, als sie entstanden. In der Kirche, unterhalb der Nordempore, steht ein Grabstein an der Wand. Die Inschrift lautet: „Dise Sten und Stedt hört Jochim Brokes und sine Erbn, Anno 1631.“ Das war auch das Jahr, in dem Jochim Brooks seinen Geldbeutel weit aufmachte. Er stiftete einen Teil der Kanzel, einen Epitaph zum Gedenken an seine Eltern sowie einen „Armenblock“, in den die Gottesdienstbesucher Geld warfen. Mit dem Geld wurden die unterstützt, die wenig hatten. Der Armenstock steht noch heute im Eingang der Petrikirche. Die Brooks- Schwestern erinnern sich daran, dass ihr Vater einen der Schlüssel dazu hatte. Der Opferstock war mit drei Schlössern gesichert, da Diebstahl bereits damals vorkam.

Der Jesus-Comic führt den Blick am Kirchenschiff entlang, die letzten Bilder in der Reihe in Richtung Altar weisen auf Ostern und Himmelfahrt hin. Oder wie es Pastor Janus formulierte: „Jesu die Auffahrt dein, wird mir der wegk Zum Himmel sein.“

Bildergeschichten

Als Comics bezeichnet man Geschichten in Form von Bildern, oft mit Text kombiniert. Es gibt sie bereits seit Anbeginn der Menschheit. Einer der frühesten berühmten Comics ist der Teppich von Bayeux aus dem Mittelalter, der die Invasion von England in der Zeit um 1066 zeigt.

Der moderne Comic entstand 1890, als das erste Comic-Heft in den USA erschien. Es trug den Titel „Comic Cut“ und wurde ein grandioser Erfolg.

 Susanne Peyronnet

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