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Der Weg aus der Forensik: 13 Stufen bis zur Freilassung

Neustadt Der Weg aus der Forensik: 13 Stufen bis zur Freilassung

Nach der Verurteilung des Mörders von Sina L. erläutert Ameos-Chefarzt Peter Bürkle, was passieren muss, bis ein Straftäter als therapiert gilt – Eine Garantie gibt es aber nicht.

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Hinter diesen Zäunen befindet sich die Forensik des Neustädter Ameos-Klinikums.

Quelle: Fotos: Sebastian Rosenkötter

Neustadt. 1990 ermordet Wolfgang E. eine Frau, kurz darauf missbraucht er ein Mädchen. Das Gericht ordnet die Unterbringung in einer forensischen Psychiatrie an. 20 Jahre später wird er unter Bewährungsauflagen entlassen. Dennoch passiert das Schreckliche: Im Juli 2015 erwürgt er Sina L. (die LN berichteten). Der Aufschrei war groß. Wie kann so ein Wiederholungstäter überhaupt jemals freikommen? Antworten hat Peter Bürkle. Die Patienten haben sämtlich eine psychische Erkrankung. Im Ameos-Klinikum sollen sie nicht weggesperrt, sondern therapiert werden. „Wir verfolgen den Gedanken der Besserung. Auftrag ist, dass sie lernen, keine erheblichen Straftaten mehr zu begehen“, betont Bürkle.

LN-Bild

Nach der Verurteilung des Mörders von Sina L. erläutert Ameos-Chefarzt Peter Bürkle, was passieren muss, bis ein Straftäter als therapiert gilt – Eine Garantie gibt es aber nicht.

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Wer den Chefarzt treffen möchte, begibt sich innerhalb des Ameos-Klinikums in einen hochgesicherten Bereich. Das Gebäude ist meterhoch umzäunt, zahlreiche Überwachungskameras beobachten jeden Schritt. Eine Tür öffnet sich nur, wenn sich eine andere geschlossen hat. „Wir haben hier die negativste Auswahl an Patienten“, sagt Bürkle. 240 Plätze umfasst die gesamte forensische Einrichtung, 100 Betten zählen zum hochgesicherten Bereich. Wer hier untergebracht ist, bleibt lange. Acht Jahre sind es im Schnitt. Dann folgen fünf Jahre Bewährungszeit. Nur wer diese meistert, darf irgendwann selbstbestimmt in Freiheit leben. Nicht jeder Mörder, Sexualstraftäter und Brandstifter schafft es. Einige wollen auch nicht therapiert werden, anderen wird so ein Leben gar nicht erst zugetraut.

Doch die hier geleistete Arbeit ist erfolgreich: 100 Patienten wurden laut Bürkle in den vergangenen zehn Jahren aus dem Ameos-Klinikum für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie entlassen.

Einige hätten zwar Sachbeschädigungen begangen, Alkoholrückfalle erlitten oder sich geweigert, Medikamente zu nehmen. „All das sind aber keine Gründe, sie in der Forensik zu lassen“, betont Bürkle.

Wolfgang E. sei der einzige gewesen, der ein erneutes Kapitalverbrechen verübte.

Der Weg zur Entlassung umfasst 13 Stufen. Neuankömmlinge werden in der besonders gesicherten Aufnahme untergebracht. Dort werden sie genauestens untersucht, ihre Erkrankung erfasst und ihr Aggressionspotenzial abgeklärt. Anschließend kommen sie auf eine der Stationen. Zahlreiche Therapiearten seien möglich, immer individuell auf den Patienten zugeschnitten. Hinzu komme das Verabreichen von Medikamenten. Zudem gebe es Lehrer, die während der Therapie helfen, Lese- und Schreibfähigkeit zu verbessern oder den Realschulabschluss erlangen. Im Vordergrund steht hierbei die Stärkung des Selbstbewusstseins. „Die Patienten sind sozial gescheitert, haben erlebt, dass sie nicht so leistungsfähig sind wie andere Menschen. Beziehungsaufnahmen zu anderen fallen ihnen schwer.“

Jeder Patient hat einen Therapieplan. „Fort- und Rückschritte werden hier dokumentiert“, erläutert Bürkle weiter. Alle sechs Monate erfolge eine Anpassung. Alle drei Jahre komme ein externer Gutachter. „Mindestens zwei Mal spricht der Arzt oder Psychologe – mit Erfahrungen im Maßregelvollzug – mit dem Patienten. Zudem bekommt er unsere Unterlagen“, sagt Bürkle. Und die Strafvollstreckungskammer des Landgerichts prüfe jährlich den Fortbestand der Unterbringung.

Ob Arbeitseinsätze oder das Zusammenleben mit anderen Straftätern, alles wird analysiert. Wichtig sei, so Bürkle, dass der Patient sich verändern möchte. Wer sich gut entwickelt, darf das Sozialtraining außerhalb des Zaunes mitmachen. Zunächst dürfen Patienten mit Pflegern spazieren gehen. „Später sind Ausgänge mit vertrauenswürdigen Angehörigen möglich, erst auf unserem Gelände, später in die Stadt.“ Gelinge dies, könne die Unterbringung in einer Heimeinrichtung erfolgen.

„Dabei sind wir nie leichtsinnig, es gibt Auflagen. Die Person muss dort wohnen bleiben, darf weder Drogen noch Alkohol konsumieren, muss gegebenenfalls Medikamente nehmen und einen Psychiater aufsuchen. Die Führungsaufsicht beträgt fünf Jahre“, so Bürkle. Danach erfolgt als letzter Schritt die Entlassung in die Freiheit.

Eine Garantie auf Erfolg gibt es jedoch nicht. Trotz aller Maßnahmen könne es passieren, dass auch ein scheinbar therapierter Straftäter rückfällig wird. So wie Wolfgang E..

Wer muss in die Forensik?

In der psychiatrischen Forensik in Neustadt werden sämtliche männliche Straftäter aus Schleswig-Holstein untergebracht, wenn es ein Gericht nach Paragraph 63 des Strafgesetzbuches angeordnet hat. Demnach muss ein Verbrechen im Zustand der Schuldunfähigkeit (§ 20) oder der verminderten Schuldfähigkeit (§ 21) begangen worden sein. Hinzu kommt, dass weitere Taten zu erwarten sind und die Person für die Allgemeinheit als gefährlich gilt.

Sebastian Rosenkötter

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