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Deutsche Schrift: Die schöne Unbekannte

Eutin Deutsche Schrift: Die schöne Unbekannte

In der Eutiner Landesbibliothek gibt es spezielle Lese-Seminare / Ein Angebot für Ahnen- und Heimatforscher.

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Dr. Frank Baudach zeigt hier die Chronik der Familie Hellwag, die zum Bestand der Eutiner Landesbibliothek gehört.

Quelle: Fotos: Peyronnet (2)/landesbibliothek

Eutin. Gestochen scharf und spitz, schnurgerade und aufrecht, gleichmäßig und mit gebremstem Schwung — unsere Vorfahren befleißigten sich einer wunderschönen Handschrift.

 

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Der Komponist Johann Abraham Peter Schulz schreibt am 20. Dezember 1796 an Heinrich Voß.

Quelle:
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Die Chronik der Familie Hellwag, bis zu seinem Tod 1896 aufgeschrieben von Otto Hellwag. Danach setzt sein Sohn Max Otto Friedrich Hellwag, das Werk fort (untere, schwarze Handschrift).

Quelle:

Die aber ist heute für die meisten Menschen völlig unleserlich. Warum bloß gibt es heute eine andere Schrift als vor 80 Jahren, und wie lässt sich die alte entziffern? In Eutin gibt es dafür einen Fachmann, der sein Wissen gern weitergibt.

Dr. Frank Baudach, Leiter der Eutiner Landesbibliothek, hat von Berufs wegen mit schwierigen Handschriften zu tun. Er weiß, wie man sie entziffert, und will dieses Wissen weitergeben. Aus früheren Angeboten dieser Art weiß er, dass sie gut angenommen werden und wer dorthin kommt: Ahnenforscher, die alte Kirchenbücher wälzen, Menschen, die Reiseberichte oder Tagebücher ihrer Vorfahren lesen wollen, Feuerwehrleute, die eine Chronik ihrer Wehr schreiben und dafür alte Protokolle auswerten wollen, und Heimatforscher. „Jeder, der sich um historische Dinge bemüht, ist ein Forscher“, sagt Baudach und ergänzt: „Das zu fördern, ist auch eine unserer Aufgaben.“

Warum aber können wir heute die Schrift unserer Vorfahren nicht mehr lesen? Weil sie eine andere Schrift schrieben als wir heute, holt Baudach aus und erläutert die Geschichte der Handschrift. Bis ins 18. Jahrhundert erfuhr die Handschrift diverse Normungsschritte, wurde also Regeln unterworfen. Bis ins 19. Jahrhundert entwickelte sich eine ausgereifte Kanzleischrift. Und dann passierte das, was oft mehr verändert als alles andere: Die Technik änderte sich. Die Schwellzugfedern — sie schreiben je nach Stellung breiter oder dünner — wurden nach und nach ersetzt durch Kugelkopf-Stahlfedern. Der Grafiker und Pädagoge Ludwig Sütterlin entwickelte 1911 im Auftrag des preußischen Kultur- und Schulministeriums zwei Schriften: die deutsche Sütterlinschrift — eine einfache Schreibschrift für die Schüler — und die heute noch gebräuchliche lateinische Schrift. Die meisten Menschen aber schrieben deutsche Kurrentschrift, auch Spitzschrift genannt. Sütterlin ist nur eine Variante dieser deutschen Schreibschrift.

Verwirrend, aber vor allem eines: heute für viele unleserlich. Das galt offenbar auch früher schon, denn, darauf weist Baudach hin: „Fremdworte oder Namen wurden schon damals in lateinischer Schrift geschrieben.“ Nach dem zweiten Weltkrieg ist die deutsche Kurrentschrift dann ausgestorben, es blieb die lateinische Schrift, die heute geläufig ist.

So schön die alte Schrift aussieht, ihr das Verständnis des Textes zu entlocken, ist eine Kunst, die Baudach vermitteln will. Zunächst geht er Buchstabe für Buchstabe durch und erklärt deren Fallstricke, den U-Bogen etwa, der hilft, u von n und m — sieht handschriftlich oft ziemlich ähnlich aus — zu unterscheiden. Dann folgen Regeln, wie man vorgehen muss, wenn sich etwas nicht entziffern lässt. Und schließlich wird das Lesen realer Schriftstücke geübt — bis hin zum schwierigen Arztbrief. „Das war schon immer so“, sagt Baudach. Warum das so ist und war, das führt schon fast auf das Gebiet der Graphologie. Vielleicht, vermutet Baudach, liegt es am Selbstbewusstsein der Ärzte, vielleicht daran, dass der Patienten nicht lesen können sollte, was ihm fehlt. Wie auch immer:

Hauptsache, der Apotheker konnte es lesen. „Man liest sich ein, auch als Apotheker“, sagt Baudach. Übung macht eben auch beim Lesen den Meister.

Das 18. Jahrhundert war das Jahrhundert der Briefe, später entwickelte sich mit dem beginnenden Tourismus eine blühende Postkarten-Kultur. „Jeder schrieb an seine Verwandten stets in einer ordentlichen Schrift“, so Baudach. Damals kein Problem, heute ein Fall für findige Leser. Das nötige Rüstzeug dazu gibt es in der Landesbibliothek. Die verfügt auch über ein besonders feines Stück damaliger Handschrift: die Chronik der Familie Hellwag, geschrieben von Otto Hellwag (1816 — 1896), einst Arzt erst in Neukirchen bei Malente, dann in Eutin und schließlich Amtsarzt und Ortsvorsteher in Bad Schwartau. Der ist die berühmte Ausnahme von der Arzt-Regel: Er schrieb eine Handschrift wie aus dem Bilderbuch.

Lesen lernen vom Profi

Ein Lese-Seminar zur deutschen Schreibschrift bietet die Eutiner Landesbibliothek am Sonnabend, 19. März, von 15 bis 18 Uhr an. Es wendet sich an alle Interessierten, die mit dieser Schrift im Ansatz bereits vertraut sind, beim Lesen insbesondere individueller Handschriften jedoch noch Schwierigkeiten haben.

Frank Baudach leitet das Seminar. Die Teilnehmerzahl ist auf 20 begrenzt. Die Gebühr beträgt zehn Euro. Um vorherige Anmeldung in der Landesbibliothek am Schlossplatz unter Telefon 045

21/788770 oder per E-Mail an die Adresse

info@lb-eutin.de wird gebeten.

Von Susanne Peyronnet

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