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„Die Haltung zu Handicaps hat sich positiv verändert“

„Die Haltung zu Handicaps hat sich positiv verändert“

Im LN-Interview: Hartmut Binder, der 24 Jahre lang Ausbildungsleiter am BBW in Timmendorfer Strand war/ Gestern wurde er feierlich in den Ruhestand verabschiedet.

Herr Binder, was macht ein Ausbildungsleiter?

 

LN-Bild

Hartmut Binder blickt gern auf seine Jahre beim Timmendorfer BBW zurück. Sein erstes Ziel im Ruhestand: eine Radtour in den Alpen.

Quelle: latz

Hartmut Binder: Grundsätzlich sorgt er dafür, dass die Azubis sachlich richtig ausgebildet werden, das gilt jedenfalls in einem normalen Wirtschaftsbetrieb.

Ist das im Bugenhagen-Bildungswerk anders?

Binder: Nein, aber bei uns gibt es 55 Ausbildungsberufe, von denen derzeit 37 belegt sind. Deswegen teile ich mir die Aufgaben mit den Fachleuten, also mit den Ausbildern. Außerdem werden ja bei uns junge Leute mit Handicaps ausgebildet, deswegen ist der Ausbildungsprozess auch ein Reha-Prozess.

Was heißt das?

Binder: An dem Reha-Prozess sind auch Sozialpädagogen, Psychologen sowie medizinisches Fachpersonal beteiligt. Und im Internat lernen die jungen Leute die allgemeine Lebensführung, also zum Beispiel Haushaltsdinge und den Umgang mit Geld. Das alles bildet dann ein Gesamtgefüge.

Und was macht der Ausbildungsleiter am BBW konkret den ganzen Tag lang?

Binder: Das wechselt. Ich muss den Arbeitsmarkt im Auge behalten und mich darum kümmern, wie unsere Absolventen richtige, also sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse finden. Dann bin ich für Personal- und Raumplanung zuständig – und auch für Azubis, mit denen es eventuell Probleme gibt. Ich spreche mit den Kammern und schaue, ob wir unser Angebot verändern müssen, also neue Ausbildungsberufen anbieten sollten. Als ich beim BBW anfing, gab es hier nur zwölf Ausbildungen, das haben wir also deutlich ausgeweitet.

Haben es Ihre Absolventen schwer, eine Anstellung zu finden?

Binder: Es hat sich viel verändert in den vergangenen zehn Jahren. Die Arbeitgeber sind deutlich aufgeschlossener gegenüber jungen Leuten mit Handicaps. Die Bereitschaft ist größer, eher mal etwas auszuprobieren.

Liegt das an der Debatte und den Bemühungen um Inklusion?

Binder: Ja, ich habe schon das Gefühl, dass sich die Haltung der Menschen zu Handicaps positiv verändert hat. Außerdem sind unsere jungen Leute jetzt während ihrer Ausbildung länger in den Betrieben, von mindestens 26 Wochen bis zur Hälfte der Ausbildungszeit. Auf diese Weise lernen die Betriebe die Azubis wirklich kennen und sehen, was diese können. Einige werden dann auch tatsächlich übernommen.

Was hat Ihnen bei Ihrer Arbeit am meisten Spaß gemacht?

Binder: Dass ich mit kreativen Ideen viel zur Weiterentwicklung des BBW beitragen konnte. Hier kann jeder, der für die Sache brennt, sein Feuer auch loswerden, sozusagen.

Gibt es auch eine Schattenseite?

Binder: Vielleicht der Papierkrieg – die Dokumentationen sind in den vergangenen Jahren immer umfangreicher geworden.

Und was werden Sie besonders vermissen?

Binder: Vermutlich die Aufgabe, jungen Menschen mit Handicaps im Leben weiterzuhelfen. Das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, verschafft einem eben große Zufriedenheit. Und ich werde auch viele Menschen vermissen, mit denen die Zusammenarbeit einfach Spaß gemacht hat.

Interview: S. Latzel

55 Ausbildungsberufe

Hartmut Binder (63) stammt aus Baden-Württemberg und studierte in München Erziehungswissenschaften. Bei der Arbeit in einem Berufsförderungswerk lernte er den Bereich „berufliche Rehabilitation“ kennen. 1992 wurde er Ausbildungsleiter am Bugenhagen-Berufsbildungswerk (BBW) Timmendorfer Strand. Hartmut Binder ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Am BBW an der Strandallee 2 in Timmendorfer Strand werden etwa 450 junge Menschen mit Lernschwächen und/oder Behinderungen ausgebildet, und zwar in 55 verschiedenen Berufen aus den Bereichen Gastronomie, Ernährung, Hauswirtschaft, Textil, Wirtschaft, Verwaltung, Informationstechnologie, Verkauf, Logistik, Gartenbau, Agrarwirtschaft, Floristik, Bau, Haustechnik, Fahrzeugtechnik, Transport, Recycling, Altenpflege und Körperpflege. Etwa 80 Prozent von ihnen wohnen im Internat mit Ein- und Zwei-Bett-Zimmern.

LN

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