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Ostholstein Die Hühner-Retterin von Großenbrode
Lokales Ostholstein Die Hühner-Retterin von Großenbrode
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11:13 03.09.2016
Angelika Regenstein näht Hühnerpullis - ähnlich dem auf dem großen Bild.

Ihre „Lady Gagas“ nennt Angelika Regenstein die neuen Mitbewohner. Namen wie „Gertrud“ oder „Dorothea“ hat sie sich für die Hühner überlegt, die sie heute in Hamburg abholt. In ihrem zukünftigen Zuhause in Großenbrode warten ein großer Garten samt gedeckter Kaffeetafel (zum Gackern) und Hexenhaus (zum Schlafen). Bunte Blusen hat die angehende Hühner-Mutti auch schon genäht. Doch was auf den ersten Blick lustig oder gar ein wenig verrückt wirken mag, hat einen ernsten Hintergrund: Die Tiere, die Angelika Regenstein bei sich aufnimmt, sind ehemalige Legehennen, die nun im Alter von gerade einmal einem Jahr „entsorgt“ werden sollten. Nachdem sie ihr bisheriges Leben zu neunt auf einem Quadratmeter zusammengepfercht waren, dürfen sie in Großenbrode zum ersten Mal frei laufen. Die Kleidung bekommen sie, bis das Gefieder nachgewachsen ist – denn zurzeit haben die Hühner kaum noch Federn.

Angelika Regenstein nimmt Legehennen aus Massentierhaltung auf – Ein Jahr alte Tiere sollten zum Schlachthof, weil sie nicht mehr genug Eier gelegt haben – Verein „Rettet das Huhn“ vermittelt neues Zuhause.

Vermittelt werden die Tiere vom Verein „Rettet das Huhn“, der „ausgedienten“ Legehennen aus Massentierhaltungsbetrieben in ganz Deutschland ein neues Zuhause sucht. Im aktuellen Fall wurden Abnehmer für insgesamt 1600 Hühner aus Bodenhaltung in Nordrhein-Westfalen benötigt. Zehn von ihnen ziehen jetzt nach Ostholstein; auch für die übrigen ist laut Verein bereits ein neues Heim gefunden.

Nach Angaben von „Rettet das Huhn“ landen bundesweit jedes Jahr etwa 45 Millionen Legehennen auf dem Schlachthof, weil sie nicht mehr die von der Industrie gewünschte Anzahl an Eiern produzierten.

In der Regel seien die Tiere dann 16 oder 17 Monate alt.

Auch Anna Gomberg von der Tierhilfe Ostholstein verurteilt diese Praxis aufs Schärfste. Sie appelliert an Verbraucher, ausschließlich Eier aus Freilandhaltung zu kaufen. „Viele Menschen glauben, Bodenhaltung sei auch ganz gut – aber das stimmt nicht“, betont die Tierschützerin, „das ist Tierquälerei.“ Die Hühner seien bei diesem Modell in einem geschlossenen Raum zusammengepfercht und hätten kaum mehr Platz als in der Käfighaltung.

Sie habe selbst einmal geglaubt, Bodenhaltung sei nicht verwerflich, erinnert sich Angelika Regenstein. Als sie sich eingehender mit dem Thema befasst habe, habe sie ihre Meinung jedoch schnell geändert. Jetzt hofft sie, andere Menschen auf die Methoden in der Eierindustrie aufmerksam zu machen. „Ich kann gar nicht begreifen, dass solch eine Tierhaltung erlaubt ist“, sagt die 68-Jährige.

Sie bittet jeden, „zu überlegen, ob es sich nicht lohnt, etwas mehr Geld auszugeben und dafür ein gutes Gewissen zu haben“.

Am heutigen Sonnabend holt die Großenbroderin ihre „Lady Gagas“ zu sich. „Ich muss bestimmt weinen, wenn ich sie sehe“, prognostiziert die Tierliebhaberin. Sie habe schon Bilder gesehen von ausgebeuteten Legehennen, die völlig abgemagert und zerrupft ausgesehen hätten. Deshalb wolle sie „Gertrud“ und Co. jetzt ein „Fünf-Sterne-Zuhause“ bieten. Im Mai ist sie mit ihrem Mann von Glinde (Kreis Stormarn) nach Großenbrode gezogen, wo dafür ausreichend Platz ist. Ein großes Gelände hat sie für die Hennen eingezäunt, Beeren und Salat zum Naschen angepflanzt, und ein Hühnerhaus mit einem besonderen Charme aufgestellt. Sogar Gardinen hat sie für die Fenster genäht. Denn: „Hier wohnen ja Mädels“, erklärt Angelika Regenstein wie selbstverständlich. Deshalb fertigt sie die Blusen auch aus bunten Stoffen und verziert sie mit Spitze: „Ich denke doch, wenn sie schon etwas anziehen müssen, wollen sie wenigstens hübsch aussehen“, sagt die 68-Jährige schmunzelnd.

Mit der Produktion von Tierkleidung kennt sich die Großenbroderin ohnehin aus: Früher hat sie bereits Pullis für ölverschmutzte Pinguine in Australien gestrickt, damit die beim Gefieder-Putzen keine Giftstoffe verschlucken. Durch einen Fernsehbeitrag ist sie nun auf den Verein „Rettet das Huhn“ aufmerksam geworden und sah eine weitere Möglichkeit, zu helfen. Jetzt wolle sie „alles tun, um die Tiere für ihre schlimmen Erfahrungen zu entschädigen“.

Wer alte Stoffe für Hühnerpullis abzugeben hat, kann sich bei Angelika Regenstein unter Tel 04367/2100087 melden. Mehr zum Verein „Rettet das Huhn“ gibt es im Internet unter rettet-das-huhn.de.

 Jennifer Binder

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