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Ostholstein Die Kirche stellt sich ihrer Vergangenheit
Lokales Ostholstein Die Kirche stellt sich ihrer Vergangenheit
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21:13 10.06.2017
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Eutin

Die Zeit des Nationalsozialismus wirft lange Schatten. Die Kirche in Norddeutschland ist noch immer mit ihrer Rolle zwischen 1933 und 1945 und den Jahrzehnten danach befasst. Zur Aufarbeitung dient auch die Wanderausstellung „Neue Anfänge nach 1945 – Wie die Landeskirchen Nordelbiens mit ihrer NS-Vergangenheit umgingen“, auf Reisen geschickt von der Ev.-Luth. Nordkirche. Vom 20. Juni bis zum 18. Juli wird die Schau in der Eutiner Michaeliskirche zu sehen sein.

Philipp Bonse (v. l.), Lutz Tamchina, Peter Barz und Michael Hanfstängl vor der Michaeliskiche, in der die Ausstellung vom 20. Juni an zu sehen sein wird. Quelle: Foto: Benthien

Sechs Themenfelder werden behandelt, deren Titel teilweise tagesaktuellem Geschehen vorangestellt sein könnten: „Heimatvertriebene, Flüchtlinge und ,Displaced Persons’“, „Antisemitismus und neue Begegnungen“, „NS-Täter und Kriegsverbrecher im Schutz der Kirche“, „Streit um Schuld und Mitverantwortung“, „Haltung zu Krieg und Wiederaufrüstung“ und „Antikommunismus und Diffamierungen“. Ergänzt werden sie durch ein lokales Fenster, das in Eutin und im Kirchenkreis Ostholstein dem widersprüchlichen Wirken von Wilhelm Kieckbusch (1891-1987) gewidmet sein wird. Er war von 1937 bis 1977 Vorsitzender der Eutiner Landeskirche, zunächst als Propst, ab 1961 mit der Amtsbezeichnung Bischof.

Pastor em. Lutz Tamchina, der Wilhelm Kieckbusch noch persönlich kennengelernt hat, nennt ihn den „in Eutin sehr geliebten Bischof der Landeskirche, der aber wie viele Geistliche keinen Widerstand geleistet und versucht hat, seine Kirche ’rauszuhalten“. Der Kirchenobere habe in den Nachkriegsjahren belastete Pastoren der NS-Zeit in seiner Landeskirche – ihr Gebiet reichte von Neukirchen bis Stockelsdorf – aufgenommen. Dazu gehörten Pastor Joachim Hossenfelder (früherer Berliner Pfarrer und Bischof von Brandenburg), der von 1954 bis 1969 in Ratekau tätig war, und Hugo Rönck (ehemaliger Bischof der thüringischen Landeskirche), der von 1947 bis 1976 Pastor in Eutin war.

Rönck trat der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) bereits 1925 bei, Hossenfelder im Jahr 1929. Beide standen der Ideologie also schon frühzeitig nahe. Nirgendwo sei aktenkundig geworden, dass diese schwerbelasteten Pastoren dazu aufgefordert worden seien, sich von der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus und den damit verbundenen Gräueltaten zu distanzieren, sagt Pastor Michael Hanfstängl, der das lokale Fenster gemeinsam mit Propst Peter Barz, Lutz Tamchina und Pastor Philipp Bonse konzipiert hat.

„Es ist eine bedeutende Ausstellung, die wir nach Eutin bekommen“, meint der Propst. „Wir wollen uns nicht von unserer Geschichte distanzieren, sondern uns ihr stellen. Das ist an der einen oder anderen Stelle sicher nicht leicht.“ Dazu gehört auch anzunehmen, dass der in Eutin so hochangesehene Bischof Kieckbusch einfach wegsah, als sein junger Kollege Hartwig Lohmann übel schikaniert wurde.

Lohmanns Jugendarbeit in Eutin drohte für Hugo Rönck unangenehm zu werden, sprach der engagierte Pastor doch mit im Elternhaus dazu abgewiesenen Jugendlichen über die NS-Vergangenheit – und all das, was Rönck lieber hätte ruhen lassen. Rönck machte Stimmung gegen Lohmann. „Er durfte den Kindergottedienst nicht mehr leiten und wurde faktisch verdrängt“, berichtet Lutz Tamchina. 1964 verließ

Hartwig Lohmann Eutin und wurde Militärpfarrer. Der jetzt 93-Jährige wird sich Ende Juni an einer Podiumsdiskussion (siehe Info-Kasten) zum Umgang mit der Vergangenheit beteiligen.

„Uns geht es nicht darum, jemanden zu verurteilen“, betont Barz. Der Kirchenkreis will aber aus seinen Fehlern lernen, das hat er in seiner Synodenerklärung vom 5. Mai 2017 festgehalten. Auch mit Blick auf die Bundestagswahl wolle man sich positionieren, erklären der Propst und Michael Hanfstängl: „Völkisches Denken ist nicht mit christlichem Denken vereinbar.“

Veranstaltungen

Los geht es in der Eutiner Michaeliskirche am Sonntag, 18. Juni,

10.30 Uhr: Gottesdienst zum Auftakt der Ausstellung unter der Überschrift „Erinnern“, es predigt Pastor Philipp Bonse.

Dienstag, 20. Juni, 19 Uhr: Eröffnung der Ausstellung durch Propst Peter Barz und Dr. Stephan Linck von der Evangelischen Akademie.

Freitag, 23. Juni, 16 Uhr: öffentliche Führung mit Pastor em. Lutz Tamchina Mittwoch, 28. Juni, 19 Uhr: Podiumsdiskussion unter dem Titel „Neue Anfänge nach 1945? – Unser Umgang mit Vergangenheit“. Teilnehmer sind Propst Peter Barz; Pastor em. Hartwig Lohmann; Christiane Balzer, Stadtvertreterin der Grünen Eutin; Bürgervorsteher Dieter Holst; Dr.

Ingaburgh Klatt, Gedenkstätte Ahrensbök. Die Moderation hat Dr. Mechthild Mäsker vom NDR.

Sonntag, 9. Juli, 11.45 Uhr: Führung mit Pastor em. Lutz Tamchina

Donnerstag, 13. Juli, 19 Uhr: „Luther und die Juden“, Vortrag von Pastor em. Ulrich Hentschel, anschließend Publikumsgespräch (in Zusammenarbeit mit der Gustav-Heinemann-Bildungsstätte)

Sonntag, 16. Juli, 10.30 Uhr: Gottesdienst mit Dialogpredigt von Mathias Lenz und Dr. Thomas Schaack, Landeskirchenamt

Öffnungszeiten der Ausstellung: Montag bis Sonnabend 10 bis 16 Uhr, Sonntag 15 bis 17 Uhr und im Rahmen des Begleitprogramms

Mehr unter www.kirche-eutin.de. Kontakt 04521/70130

Ulrike Benthien

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