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Ostholstein Die Not der Landgasthöfe
Lokales Ostholstein Die Not der Landgasthöfe
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00:00 11.11.2018
Heinz Lamparth ist seit 30 Jahren Pächter des Gasthofes „Zum Moorteich" in Scharbeutz. In diesem Jahr ist es für ihn gut gelaufen. Er hofft, dass es so weitergeht. Quelle: Luisa Jacobsen
Ostholstein

 Kirsten Danz sitzt auf einem gepolsterten Stuhl, auf dem Tisch liegt eine Decke mit Blumenmuster. In einer Ecke knistert ein Feuer im Kamin. Die 74-Jährige blickt zum Tresen in ihrem Gasthof „Zur Linde“ in Wangels. „Früher war hier volles Haus“, sagt sie. Heute bringt ihr der Gasthof „Zur Linde“ unterm Strich keinen Gewinn mehr. Deswegen möchte sie verkaufen. Ein Vorhaben, das nicht leicht werden dürfte.

Die Situation der Gastronomin ist kein Einzelfall. Nicht allen, aber vielen klassischen Landgasthöfen und Gaststätten in Ostholstein, in Schleswig-Holstein und in ganz Deutschland gehe es schlecht, sagt Matthias Drespling, Vorsitzender des Dehoga-Kreisverbandes Ostholstein. Laut dem Gaststättenverband Schleswig-Holstein ist die Zahl der Landgasthöfe im nördlichsten Bundesland in den vergangenen 15 bis 20 Jahren um etwa 35 Prozent zurückgegangen. Das Geschäft läuft nicht mehr und der Branche fehlt es an Nachwuchs.

Schlechte Anbindung und verändertes Freizeitverhalten

Gründe gibt es viele: Einer ist laut Drespling ein verändertes Freizeitverhalten der Menschen in Deutschland. „Vor 30 Jahren waren diese Gasthöfe ein Treffpunkt auch für junge Leute, heute bleiben viele zu Hause.“ Eine Veränderung, die so gravierend nicht überall zu beobachten ist. „In Großbritannien sind die Pubs in den Dörfern abends voll“, sagt Drespling. Auch in Spanien und Frankreich stehe in jedem Dorf eine gut besuchte Wirtschaft.

Doch nicht allein das. Auch die schlechte Infrastruktur wirkt sich aus. Große Entfernungen und fehlende Busverbindungen sind ein Problem. Das spüren auch Kornelia und Jürgen Ahrens. Das Ehepaar betreibt im 33. Jahr die Dorfschänke in Merkendorf (Gemeinde Schashagen). 1965 öffneten die Eltern von Jürgen Ahrens den Gasthof und damals, vor dem Bau der Autobahn 1 in Richtung Norden, profitierte Merkendorf vom Durchfahrtsverkehr nach Grömitz. „Da war hier richtig was los“, sagt Jürgen Ahrens. Heute sei Merkendorf „ein Sackdorf“, von hungrigen Durchreisenden keine Spur.

Das Paar hilft sich selbst, indem es bei großen Festen mit eigenem Zelt präsent ist, außerdem haben sie neben einem großen Festsaal auch einen Versammlungsraum für Vereine und eine Kegelbahn. „Die ist gut für Weihnachtsfeiern“, sagt Kornelia Ahrens. Doch selbst bei dem Thema Vereine gibt es ein Problem: „Für viele Gasthöfe werden Bürgerhäuser zur Konkurrenz“, sagt Matthias Drespling. „Diese Häuser werden von der Politik gefördert, die Vereine treffen sich dort, die Gasthöfe bleiben leer.“

„Nach uns wird hier Schluss sein“

Zu kämpfen hat auch Heinz Lamparth (58) in Klingberg (Gemeinde Scharbeutz). Seit 30 Jahren ist er Pächter des Gasthofs „Zum Moorteich“. Und zumindest in diesem touristisch sehr guten Jahr hat er profitiert – von der Nähe zu Scharbeutz und einer angrenzenden Ferienhausanlage. Richtig gut geht es ihm trotzdem nicht. „Manchmal ist man da schon am Existenzminimum“, sagt er. Der größte Posten bei seinen Ausgaben sind die Betriebskosten. „Die Nebenkosten sind viel höher als damals, als ich angefangen habe.“

Sein Dilemma: Lamparth hat fast immer geöffnet (außer mittwochs). Er möchte präsent sein, denn während an den Sommerwochenenden durchaus noch viele Tagesgäste kämen, sei er im Winter auf geschlossene Gesellschaften angewiesen. „Wenn immer geschlossen ist, kommt aber keiner auf die Idee, hier zu feiern“, sagt Lamparth. Der Gastronom versucht, optimistisch zu sein. Immerhin gäben die Leute im Moment bereitwillig Geld für den Restaurantbesuch aus. „Sparen lohnt ja nicht“, sagt er. Dass der Betrieb weiter bestehen wird, wenn er einmal aufhört, glaubt Heinz Lamparth aber nicht.

Drei Gastronomen zeigen ihre Landgasthöfe. Bei keinem läuft das Geschäft richtig gut.

So sieht es auch das Ehepaar Ahrens. Für ihre Kinder würde die Dorfschänke nicht mehr lukrativ sein, sagen sie. „Nach uns wird hier im Dorf Schluss mit Gastronomie sein“, meint Kornelia Ahrens. Ihr Mann und sie erinnern sich noch gut an Abende, an denen am Tresen geknobelt wurde, an Tage, an denen 80 bis 90 Gäste keine Seltenheit waren. „Das waren Zeiten“, sagen sie. „Die kommen nicht wieder.“

Für Lamparth, das Ehepaar Ahrens und Kirsten Danz bedeuten die Gasthöfe heute viel Arbeit und in der Regel wenig, manchmal keinen Gewinn. Das Positive: Ihre Arbeit machen sie noch immer gern. „Das ist, was ich gelernt habe und ich habe Freude daran", sagt Kirsten Danz. Seit 1905 schon ist ihr Gasthof „Zur Linde“ in Familienbesitz. Trotzdem, über einen Käufer, der den Gasthof weiterführt oder etwas Neues schafft, wäre sie froh. Denn „irgendwann will man sich ja auch einfach mal an den warmen Ofen kuscheln“. 

Ostholsteins Gastronomie in Zahlen

Klassische Landgasthöfe sind nicht zählbar, da sie keine eigene Kategorie darstellen. Unterschieden werden Hotels, Gasthöfe und Pensionen von Restaurants, Gaststätten, Imbissstuben, Cafés und Eissalons. In beiden Kategorien ist nach Zahlen des Statistikamts Nord die Anzahl der Betriebe in Ostholstein zwischen 2008 und 2016 gesunken.

2008 gab es im Kreis noch 298 Hotels, Gasthöfe und Pensionen. 2016 waren es 217. Bei den Restaurants, Gaststätten, Imbissbuden, Cafés und Eissalons ist die Zahl von 762 auf 697 gesunken.

Luisa Jacobsen

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