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Ostholstein Die Ostküstenleitung sorgt weiter für Zündstoff
Lokales Ostholstein Die Ostküstenleitung sorgt weiter für Zündstoff
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11:06 09.06.2016
Diskussion im Eutiner Kreishaus über die Ergebnisse des Dialogverfahrens Ostküstenleitung (v. l.): Bürgermeister Martin Voigt (Oldenburg), Landschaftsarchitekt Uwe Herrmann, Till Klages (Tennet), Staatssekretärin Ingrid Nestle (Grüne), Moderatorin Nadine Bethge, Minister Robert Habeck (Grüne), die Bürgermeister Holger Reinholdt (Süsel) und Volker Weidemann (Sierksdorf). Quelle: Petersen

Zufriedene Bürgermeister in Oldenburg und Sierksdorf, ein enttäuschter Kollege in Süsel – und ein Publikum, das die 380-kV-Ostküstenleitung insgesamt in Frage stellte: So fiel am Dienstagabend das Echo auf die Ergebnisse des Dialogverfahrens zur Nord-Süd-Stromautobahn zwischen Oldenburg und Lübeck aus. Energiewendeminister Robert Habeck (Grüne), der im Eutiner Kreishaus mit Vertretern des Netzbetreibers Tennet den Befund vorstellte, räumte ein: „Keiner sagt, er hätte mal gern eine schicke Stromleitung.“ Der Netzausbau sei unbeliebt, aber für die Energiewende notwendig.

 

Das Dialogverfahren sollte schon vor dem jetzt anlaufenden formalen Planverfahren vor Ort für Transparenz sorgen sowie Anregungen und Kritik aufgreifen. Rechtlich bindend sind die vorliegenden Ergebnisse also nicht, aber Grundlage für die weiteren Planungen schon. Danach wird für eine Erdverkabelung in Ostholstein allein der vier Kilometer lange Abschnitt bei Oldenburg zwischen Göhl und Sebent geprüft. Zwei Voraussetzungen sind erfüllt: Vergleichsweise viele Häuser, die dicht an einer Freileitung stünden, werden durch die Absenkung entlastet. Zudem wird der unter Aspekten des Naturschutzes und der Archäologie sensible Oldenburger Graben geschont.

Denn das Kabel soll dort nicht versenkt werden, sondern per Spülbohrung unter das Moor kommen. Von beiden Seiten, aus Richtung Göhl und Sebent, wird sich dem Moor zunächst in offener Bauweise genähert. Dann, so die Planung, werden mehrere hundert Meter lange Bohrungen vorgenommen, durch die dann das Kabel gezogen wird. Nach Angaben von Tennet wird es die längste Bohrstrecke für eine Erdverkabelung in Deutschland werden – wenn nichts dazwischen kommt.

Zunächst muss noch genau geprüft werden, ob diese Variante technisch machbar ist und wie sie sich mit den Bodenverhältnissen verträgt. Nach heutigem Stand, so Tennet-Mann Till Klages, sei noch nicht sicher, ob das Erdkabel tatsächlich die bessere Alternative ist. Erdkabel sind nicht nur fünf- bis zehnmal teurer als Freileitungen, sie erwärmen den Untergrund auch. Pilotstrecken wie in Göhl/Sebent sollen nähere Erkenntnisse zu Folgen und Kosten bringen.

Oldenburgs Bürgermeister Martin Voigt äußerte sich trotz der Unsicherheit erleichtert, dass ein Erdkabel ins Auge gefasst wird. „Ich habe die Hoffnung, dass dies auf lange Sicht eine geringe Beeinträchtigung bedeutet“, verwies er darauf, dass auf Oldenburg bereits ein Umspannwerk an der Stadtgrenze und die geplante Hinterlandanbindung für den Belttunnel zukämen.

Zufrieden registrierte auch Sierksdorfs Bürgermeister Volker Weidemann, dass es südlich von Neustadt bei dem von Tennet bevorzugten Leitungskorridor bleiben soll. Die Ostküstenleitung wird dort nach Westen abknicken, bei Süsel nach Süden schwenken und dann nach Lübeck führen. Die Alternative wäre die ebenfalls geprüfte Seebädervariante nahe der Autobahn 1. In der Abwägung lag sie fast gleichauf.

Nach der Devise „Menschenschutz vor Naturschutz“ bekam die Binnentrasse den Vorzug. In den Seebädern wären deutlich mehr Anwohner betroffen. Die Trasse würde dort nahezu komplett als Freileitung gebaut, nur ein Abschnitt bei Roge käme für ein Erdkabel in Frage. Weidemann sprach von einer „gerechten Lösung“, die Seebäder wären bereits stark durch Auto-, Eisenbahn und 110-kV-Leitung belastet.

Süsels Bürgermeister Holger Reinholdt gab Kontra. Die Trasse umzingele Ortschaften wie Groß Meinsdorf, Gothendorf oder Barkau. „Für die Einwohner ist das nicht hinnehmbar“, monierte Reinholdt.

Den Ruf nach einer kompletten Erdverkabelung, wie er in der Diskussion von einem betroffenen Bürger aufkam, wies Habeck mit Hinweis auf fehlende Erprobung, Kosten und Widerstand der Landwirte zurück.

Vor allem aber wurde immer wieder die Frage aufgeworfen, warum nicht eine 220-kV-Leitung gebaut werde, die sich anders als eine 380-kV-Trasse problemlos unter die Erde bringen lasse und die Landschaft nicht verschandele. „Sie tragen ein Brett vor dem Kopf, das heißt 380 kV“, schallte es dem Minister entgegen. Die Leitungen müssten so groß ausfallen, dass es keinen Vorteil bedeute, meinte der. Klages verwies auf die hohen Energieverluste durch Umspannwerke. Überzeugen konnte er nicht. „Uns geht eine ganze Landschaft verloren“, hieß es.

 Arnold Petersen

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