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Ostholstein Die Schulbank der Plattschnacker
Lokales Ostholstein Die Schulbank der Plattschnacker
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22:22 19.10.2016
Heinrich Evers (oben Mitte) und seine Schüler: Elke Köchling, Annette Mach, Ute Rummeny, Dieter Kiesow, Waltraut Pilkahn, Ottilie Rühl, Siegfried Dummann, Gabriele Stahl und Gastteilnehmerin Sabine Meier. Quelle: Fotos: Sebastian Rosenkötter

Wo Worte wie „Hunnenschiet“ und „Jaulmusik“ für Erheiterung sorgen, da wird Platt geschnackt. Wer die alte Sprache noch nicht beherrscht oder sein Wissen auffrischen möchte, der kann einen Kursus an der Neustädter Volkshochschule (VHS) besuchen. Lehrer ist Heinrich Evers. Der Mann, der lange einen Blumenladen führte und vielen als „Plattdeutsch-Papst“ bekannt ist, setzt sich seit Jahrzehnten für den Erhalt des Plattdeutschen ein. Mit Erfolg.

Heinrich Evers kämpft für den Erhalt der alten Sprache – Pro Woche gibt er fünf Kurse, vier davon in Neustadt.

Es ist Dienstagnachmittag. Pünktlich um 14.30 Uhr verteilt Evers die ersten Unterrichtszettel. Der Computerraum im Obergeschoss der VHS wird für 90 Minuten zum Klassenzimmer. Auf den Tischen liegen Wörterbücher. Die Schüler, sieben Frauen und zwei Männer, haben Bleistifte und Hefte parat. Eine von ihnen ist Ottilie Rühl. Die 78-Jährige ist mit Begeisterung dabei, erzählt, dass sie mit ihren beiden Enkelinnen (18 und 19 Jahre) Platt spricht. „Ich will das weitergeben und besuche den Kurs, um die Sprache auch richtig wiederzugeben“, betont sie.

Zwischen richtig und falsch liegen oft nur einzelne Buchstaben. „Warrt wird mit Doppel-R und einem T geschrieben“, erklärt Heinrich Evers. „Verdammt“, murmeln einige Teilnehmer und greifen schnell zum Radiergummi. Hauptthema der Unterrichtsstunde sind Satzzeichen sowie Büromaterialien. Nach und nach müssen die Schüler einzelne Sätze aus dem Hochdeutschen übersetzen. „Gott, sind das schwierige Wörter“, sagt Dieter Kiesow. „Ungewöhnlich“, ergänzt Ottilie Rühl. Die Gruppe lacht. Zwischendurch erzählt Gabriele Stahl (63) von ihren Urlaubsplänen. Natürlich auf Platt.

Hochdeutsch hört Heinrich Evers nicht so gerne. Seine Schützlinge sollen die Sprache anwenden. „Wir erarbeiten die Dinge gemeinsam. Dann bleibt mehr hängen“, erläutert er.

Für fast alle Teilnehmer ist Platt auch ein Stück Kindheit. Viele sind mit der Sprache aufgewachsen. Nur in der Schule, da hat sie kaum einer gesprochen. „Das war verboten. Wir sollten Hochdeutsch lernen“, sagt Ottilie Rühl. Auch Annette Mach hat als junges Mädchen mit ihrem Vater und ihren Brüdern Platt geredet. Dann zog sie fort, lebte über 20 Jahre in Ostwestfalen-Lippe. Dort sprachen die Menschen anders. Vor vier Jahren kehrte sie in die Heimat zurück. „Ich habe Heiner getroffen und wollte mein Plattdeutsch auffrischen. Seitdem bin ich hier. Es war noch sehr viel im Hinterbewusstsein“, erinnert sich die 69-Jährige.

Bei Gabriele Stahl aus Görlitz (Sachsen) lief es anders. Sie lebt erst seit zehn Jahren in Ostholstein und suchte gezielt nach einem Kursus. „Wenn man wo wohnt, dann sollte man auch die Sprache sprechen. Mich interessiert Platt und es ist schon gut was hängen geblieben“, sagt Stahl. Während sie spricht, wird das Lächeln im Gesicht von Heinrich Evers immer größer. Kein Wunder. Er will Menschen für die Sprache begeistern und bei Gabriele Stahl gelingt ihm dies ganz offensichtlich sehr gut. Evers bietet die Kurse bereits seit 2012 an, sie sind gut besucht.

Angefangen hat alles mit dem Ende seines Blumenladens. „Ich wollte das schon seit vielen Jahren machen, solange ich das Geschäft hatte, fehlte mir die Zeit. Einen Tag nachdem ich den Laden zugemacht hatte, kam VHS-Leiter Wilhelm Lange vorbei und hat gefragt, ob ich einen Kurs anbieten möchte“, erzählt Evers, der seit Januar 2014 offizieller Plattdeutschbeauftragter des Kreises Ohstolstein ist. Mittlerweile unterrichtet er an vier Tagen pro Woche in Neustadt und einen Tag in Klingberg. Und eines wissen seine Schüler ganz genau: Es gibt keine Regel ohne Ausnahme. Oder wie Heinrich Evers sagt: „Dat gifft keen Regel ahn Utnahm!“

Plattdeutsche Zungenbrecher

Wenn achter Flegen flinke Flegen fleegt, fleegt flinke Flegen Flegen achteran.

Smitt, Snieder, Schooster un Schandarm sludern, smöken un sweten sik warm.

De dicke Deern dröög de dünne Deern dörch den dicken Dreck dörch. Dort dank de dünne Deern de dicke Deern, dat de dicke Deern de dünne Deern dörch den dicken Dreck dröög.

 Sebastian Rosenkötter

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