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Ostholstein Die kleine Frau mit ihrer großen Mission
Lokales Ostholstein Die kleine Frau mit ihrer großen Mission
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22:16 12.02.2016
Esther Bejarano trat gestern gemeinsam mit ihrem Sohn Joram (r.) und mit Kutlu Yurtseven von der Rap-Band „Microphone Mafia“ auf. Sie begeisterte Schüler am Morgen ebenso wie ihr Publikum am Abend. Quelle: Fotos: Cd

Esther Bejarano misst nur 1,46 Meter. Und doch ist die kleine Frau eine ganz Große. Die 91-Jährige fasziniert Jugendliche ebenso wie Erwachsene. Wenn die Jüdin aus ihrem Leben erzählt, ist es mucksmäuschenstill im Saal, in der Halle oder in der Aula. Niemand will einen ihrer Sätze, in denen sie das unsagbare Leid der NS-Zeit schildert, verpassen. Und wenn die Hamburgerin zum Mitklatschen und Mitsingen auffordert, sind auch alle dabei. Dann wird es richtig laut.

Esther Bejarano ist eine der letzten Überlebenden des Mädchenorchesters aus dem Konzentrationslager (KZ) Auschwitz. In den vergangenen Jahren gab sie, gemeinsam mit der Rap-Band „Microphone Mafia“

aus Köln, über 300 Konzerte in ganz Deutschland, in Italien, Österreich und in der Schweiz.

Ratekau? Davon hatte sie bis gestern noch nichts gehört. Der Kontakt zu ihr war zwischen Günter Knebel, Lehrer an der Cesar-Klein-Schule, und Joram Bejarano zustande gekommen. „Ich war schon lange auf der Suche nach Zeitzeugen und stieß dabei auf Esther Bejarano. Natürlich bin ich ein wenig aufgeregt“, bekannte Knebel vor dem Eintreffen der inzwischen sehr prominenten Autorin und Musikerin.

Sie reiste mit ihrem Sohn Joram (63) und mit dem Rapper Kutlu Yurtseven (43) an. Rossi Pennino, der dritte Musiker, musste in Köln arbeiten.

Ehe Fragen beantwortet und Musik gemacht wurde, nahm Esther Bejarano ihre Zuhörer mit auf die Reise in ihre furchtbare Vergangenheit. Sie machte mit ihnen Station in Auschwitz, fuhr mit ihnen in Gedanken weiter ins Frauen-KZ Ravensbrück und ließ sie teilhaben an ihrer großen Freude über die Befreiung. In Auschwitz, so erzählte sie, verlor sie als erstes ihren Namen. „Mir wurde die 41948 auf den linken Arm tätowiert, und von da an war ich nur noch eine Nummer“, berichtete Esther Bejarano. „Haben Sie diese Nummer immer noch?“ erkundigte sich eine Schülerin. Die Antwort: „Ich habe sie mir wegtätowieren lassen, weil die Menschen in Deutschland nach dem Krieg unaufgeklärt waren und mich wegen der Nummer dämlich angequatscht haben.“

„Hat Auschwitz Ihre Sichtweise und Lebensweise beeinflusst?“ fragte ein Zehntklässler. Esther Bejarano: „In Auschwitz haben wir alle ganz schreckliche Dinge gesehen. Wir mussten das überleben, weil wir uns rächen wollten. Und meine Rache ist die, dass ich in Schulen gehe und meine Geschichte erzähle.“ Vom Rapper hörten die Schüler: „Es ist für uns eine große Ehre, ein Teil dieser Rache sein zu dürfen.“

Passend zur Lebensgeschichte von Esther Bejarano, die als junges Mädchen zunächst als Akkordeonistin, dann als Blockflötenspielerin im Orchester musizierte, haben die Rapper eigene Texte geschrieben.

Außerdem gehören antifaschistische und jüdische Lieder zum Repertoire von „Microphone Mafia“ und Esther Bejarano.

Schüler und Lehrer erhoben sich von den Plätzen, als der letzte Ton verklungen war, und bejubelten ihre Gäste auf der Bühne wie Popstars. Die 91-Jährige versprach: „So lange hier in Deutschland noch Nazis rumlaufen, werde ich weitermachen. So lange ich kann.“

Christina Düvell-Veen

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