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Ostholstein Dorothea Flint: Von Afrika nach Fehmarn
Lokales Ostholstein Dorothea Flint: Von Afrika nach Fehmarn
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11:52 05.09.2016

Als kleines Kind hatte sie täglich den mächtigen Kilimandscharo vor Augen. Heute lebt Dorothea Flint hochbetagt in Bannesdorf. Die größte Erhebung auf dem flachen Ostsee-Eiland misst kaum mehr als 27 Meter. Von Tanga in Ostafrika nach Fehmarn – was für ein Leben. Es sind nicht nur die eindrucksvollen Berge, die ihr seither fehlen.

 

Historische Spurensuche: Gemeinsam mit Hans-Christian Schramm verfolgt Dorothea Flint ihren Fluchtweg von Tanga nach Hamburg. Quelle: Schwennsen
Historische Spurensuche: Gemeinsam mit Hans-Christian Schramm verfolgt Dorothea Flint ihren Fluchtweg von Tanga nach Hamburg. Quelle: Schwennsen

Geboren Ende 1929 in Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) auf dem schwarzen Kontinent, hat der Zweite Weltkrieg sie und ihre Familie 1940 aus dem geliebten Land vertrieben. In Deutschland gehörten sie zu den ersten Kriegsflüchtlingen. Doch im Rückblick ist Dorothea Flint nicht traurig, sondern dankbar für ihren langen Lebensweg: „Daran waren ganz viele liebe Menschen beteiligt.“

Dass ihre Familiengeschichte jahrzehntelang vom Ostafrika geprägt war, liegt vor allem an ihrem Großvater. Der landete 1885 als erster Deutscher zusammen mit einem zweiten Missionar in Daressalem, kaum war das Gebiet deutsche Kolonie geworden. Sie missionierten auf den Farmen und im Usambara-Gebirge. Als der Freund mit einer weißen Frau von seinem Deutschland-Urlaub zurückkehrte, nutzte bald auch der Großvater einen Heimatbesuch zur „Brautschau“.

Mit Erfolg: Er heiratete, und 1903 wurde Dorothea Flints Vater in Tanga geboren. Auch er sollte später Pastor und Missionar werden. Und auch er holte seine künftige Ehefrau von Deutschland aus nach Afrika. Die Bethel-Mission in Bielefeld und das Rauhe Haus in Hamburg waren die wichtigsten Anlaufpunkte, sobald sich die Missionare in Deutschland aufhielten.

Fünf Kinder sind in Afrika geboren, darunter Dorothea. Sie wuchs als kleines Kind in der Hafenstadt Tanga auf, ihre Mutter hielt die Stellung als Pastorenehefrau, vor allem wenn ihr Ehemann im Usambara-Gebirge unterwegs war. Dorothea Flint erinnert sich: „Wir haben ganz normal mit den schwarzen Kindern gespielt, oft direkt am Strand.“ Es war heiß dort am Äquator.“ Viele europäische Frauen hatten daher „Boys“ zur Hilfe.Waren die Ferien zu Ende, ging die kleine Dorothea zurück aufs Internat – zusammen mit vielen anderen Kindern von Europäern.

Der Zweite Weltkrieg sollte das Leben dann ziemlich durcheinanderwürfeln. Ende 1939 drohte das Internat geschlossen zu werden, so Dorothea Flint. „Plötzlich wurde vieles ganz anders. Die Briten, die vorher mit den Männern aus meiner Familie gerne mal einen Whisky getrunken hatten, tauchten eines Tages mit verlegenen Gesichtern bei meiner Mutter auf und sagten: Es tut uns leid, aber wir müssen ihren Mann internieren.“ Dorothea Flint kann sich nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern. Sie war kaum zehn Jahre alt, vieles hat ihr die Mutter erst nach und nach erzählt. Im Gespräch mit dem geschichtskundigen Hans-Christian Schramm, wie sie im späteren Leben Grundschullehrer in Puttgarden, und dem LN-Redakteur versucht sie, die bewegte Geschichte ihres Lebens aufzuarbeiten.

Das Entscheidende: „Italien war damals noch neutral.“ Für Dorothea Flint und ihre Familie ein Glücksfall. Ein italienischer Dampfer nahm sie mit nach Europa. Den Briten war die Internierung von immer mehr Deutschen zu teuer geworden, zumal sie auch noch deren – oft kinderreiche – Familien versorgen mussten. So wurden denn die Pastoren auf den langen Weg nach Europa geschickt, während ihr Onkel, ein Ingenieur, nach Südafrika verlegt wurde. Er hätte Hitler von Nutzen sein können.

In der Bucht von Tanga wurden sie und andere Familien mit einem kleinen Boot auf das wartende große Schiff überführt. „Wir kamen an unserem Haus vorbei, meine Mutter weinte“, erinnert sich Dorothea Flint. Sie selbst ahnte noch nicht, dass es ein Abschied für immer sein würde. Kein Wunder – für die Kinder war es nicht die erste Fahrt mit einem Dampfer nach Europa.

„Aus heutiger Sicht muss man sagen: Wir waren wohl die ersten deutschen Flüchtlinge aus Afrika“, so Dorothea Flint. Es folgte ein langer Reiseweg durch den Suezkanal. In Venedig wurden sie ausgeschifft. Viele Erinnerungen sind aber verblasst. Auf jeden Fall gelangte die Familie überTriest und Berchtesgaden nach Hamburg. Dort fanden sie zunächst Unterschlupf bei der Großmutter.

„Wir sind gut aufgenommen worden. Deutschland war damals noch nicht überlaufen von Flüchtlingen“, erinnert sie sich an dem Neuanfang 1940. Doch das weitere Leben sollte Dorothea Flint und ihrer Familie nach auf harte Proben stellen. Ein sechstes Kind wurde in Hamburg geboren, der Vater kam als Soldat nach Griechenland und ist dort gefallen. Der Onkel durfte erst nach 1945 von Südafrika aus nach Deutschland zurückkehren.

Dorothea Flint hat in Hamburg die Oberschule besucht – und blieb deshalb bei der Großmutter, als die Mutter mit ihren fünf jüngeren Brüdern nach Schleswig-Holstein zog. Dort besuchten die Jungs die Volksschule.

Die Elbe statt der Indische Ozean: Dorothea Flint vermisste jetzt nicht nur Afrika, sondern auch ihre Familie. In Hamburg hat sie sich oft nicht besonders wohl gefühlt. Später nahm ihre Mutter in Bethel eine Hausmutterstelle an. Damit war die Familie, die ohne Vater klar kommen musste, wenigstens finanziell gut versorgt.

Lehrerin auf der Insel

Seit über 75 Jahren lebt Dorothea Flint (86) in Deutschland, davon mehr als ein halbes Jahrhundert auf der Insel Fehmarn.

Die Lehrerin zog mit ihrem Mann nach Fehmarn – noch bevor 1963 die Sundbrücke eröffnet wurde. Die Wahl fiel deshalb auf die Insel in der Ostsee, weil ihr Mann eigentlich vorhatte, später einmal nach Skandinavien auszuwandern.

Unterrichtet hat sie zunächst in der einklassigen Dorfschule in Ostermarkelsdorf. Großer Pluspunkt: Dort konnte sie mit ihrer Familie im Schulgebäude wohnen. Ihr Ehemann erkrankte.

Später war Dorothea Flint Lehrerin an der Schule in Puttgarden.

 Gerd-J. Schwennsen

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