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Ein Leben zwischen Gerichtssaal und Kaserne

Eutin Ein Leben zwischen Gerichtssaal und Kaserne

Vier Wochen im Jahr tauscht Frank-Eckhard Brand Anwaltsrobe gegen Uniform – Dann ist der 52-Jährige der oberste Vertreter der Bundeswehr in Eutin.

Lübeck/Eutin. Viel Zeit hat Oberstleutnant Frank-Eckhard Brand an diesem Morgen nicht. Ein kurzer Händedruck, dann deutet der amtierende Kommandeur des Aufklärungsbataillons 6 auf das Besuchersofa seines Dienstzimmers. Der braun-grün gefleckte Kampfanzug, das schwarze Barett auf den kurzen blonden Haaren – auf den ersten Blick deutet nichts darauf hin, dass der 52-Jährige noch einen Tag zuvor in Anwaltsrobe einen Angeklagten vertreten hat.

LN-Bild

Vier Wochen im Jahr tauscht Frank-Eckhard Brand Anwaltsrobe gegen Uniform – Dann ist der 52-Jährige der oberste Vertreter der Bundeswehr in Eutin.

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Vier Wochen im Jahr wechselt der Strafverteidiger von seiner Lübecker Anwaltskanzlei in das Kommandeursbüro in der Eutiner Rettberg-Kaserne. Vier Kompanien mit insgesamt 550 Soldaten stehen dann unter dem Kommando des Reserveoffiziers. „Gespiegelter Kommandeur“ – so heißt sein Dienstposten in Bundeswehr-Sprache. Umgangssprachlich bedeutet es „Chef auf Zeit“. Brand ist es immer dann, wenn der eigentliche Kommandeur des Bataillons nicht vor Ort ist. Dann hat er die Dienstaufsicht über den Betrieb der Kaserne, begutachtet etwa die Schießübungen der Rekruten oder legt mit den Kompaniechefs den Wochenplan fest. „Manchmal bin ich nur einen Tag hier, manchmal zwei Wochen am Stück“, sagt er, „meine Zeit als Jurist ist knapp bemessen, das ist manchmal schon ein Kraftakt.“

Als Rechtsanwalt ist Brand seit 1996 tätig, damals kehrte er nach dem Jurastudium in Berlin in seine Heimatstadt Lübeck zurück. Seitdem arbeitet er überwiegend als Strafverteidiger. Er vertritt Brandstifter, Diebe und Mörder. Aber auch Nebenkläger, etwa die Angehörigen eines Opfers, zählen zu seinen Mandanten.

Wenn man Brand im Gerichtssaal beobachtet, dann sieht man einen Mann in eleganter Anwaltsrobe, der sich routiniert durch das Prozessgeschehen arbeitet. Der einen Zeugen mit festem Blick fixiert, auch wenn dieser schon unruhig mit den Beinen wippt. Der sich scheinbar gelangweilt in seinem Stuhl zurücklehnt, um im nächsten Moment wieder mit seinen Fragen fortzufahren. Ausdauer und Taktik – eine Prägung der Bundeswehr, wie er sagt. Bis zu vier Prozesstage absolviert er wöchentlich, dazu kommen Mandantengespräche und Recherchestunden. „Die Tätigkeit ist abwechslungsreich“, sagt er. Und fügt ernst hinzu: „Manchmal blickt man in Abgründe hinein, die scheinen unendlich tief, aber diese Dinge muss man verarbeiten, Distanz aufbauen.“

Einer seiner letzten Mandanten war Wolfgang E., ein Sexualstraftäter, der im vergangenen Jahr bei Neustadt eine junge Frau erwürgte und den Leichnam sexuell missbrauchte. Der 64-Jährige wurde zu 13 Jahren Haft und Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus verurteilt. „Manchmal fragen mich die Gerichtsbesucher, wie ich solche Menschen vertreten kann“, sagt Brand. In seiner Funktion als Strafverteidiger solidarisiere er sich nicht mit dem Täter, sondern prüfe objektiv, was seine Mandanten getan haben. „Ob einem der Mensch sympathisch ist oder man Verständnis für seine Taten aufbringen kann, darum geht es ja gerade nicht“, sagt Brand. „Die Strafverteidigung gehört zu unserem rechtsstaatlichen System – doch das verstehen viele nicht.“

Während er spricht, verwendet Brand immer wieder militärische Ausdrücke, beschreibt sein Vorgehen bei Gericht mit einem Gefecht, spricht von Verteidigung, Verzögerung und Angriff. „Im Strafrecht hat mir meine militärisch geprägte Sprache immer sehr geholfen.“ Dann fügt er hinzu: „Es gibt das Sprichwort ,Fange nie einen Krieg an, den du nicht gewinnen kannst‘ – das gilt auch vor Gericht.“

Soldat ist Brand schon seit über 30 Jahren. 1984 begann er seine Ausbildung als Zeitsoldat in der Eutiner Kaserne. Zwei Jahre später verließ er die Aufklärer als Fähnrich der Reserve.

Anschließend ging er für sein Jurastudium nach Berlin. Währenddessen blieb er Reservist, nahm in den Semesterferien an Lehrgängen und Übungen teil. „Das war mein Ferienjob. Wenn meine Kommilitonen in der Eisdiele arbeiteten, habe ich an Wehrübungen teilgenommen.“ Über die Jahre wurde er Leutnant, dann Oberleutnant, Hauptmann, Major und schließlich Oberstleutnant. Den Posten als gespiegelter Kommandeur übernahm er 2008. „Ich kann es schwer beschreiben“, sagt Brand und blickt aus dem Fenster auf den Innenhof der Kaserne, „aber die Arbeit bei der Bundeswehr gehört einfach zu mir, sie rundet mein berufliches Leben ab.“

Dass er seine Tätigkeit als Reservist manchmal nur schwer zwischen all den Gerichtsterminen unterbringen kann, stört den alleinstehenden Vater einer erwachsenen Tochter eher wenig. Menschen, die in ihrem Beruf etabliert und entsprechend gefragt sind, seien der Armee mit ihrer Erfahrung von besonderem Nutzen, erklärt er. „Die Bundeswehr braucht Reservisten, die bestimmte Abläufe mit einem Blick von außen beurteilen. Dafür ist man hier sehr dankbar.“

Die Ausbildung der Rekruten, die Dienstpläne, der Ablauf der Übungen – sein hoher Bundeswehr-Dienstposten biete dabei immer wieder anspruchsvolle Aufgaben. „Da liegt auch der Reiz“, sagt Brand mit einem Lächeln, „ ich trage Verantwortung, ein Bataillon ist ja schließlich kein Sportverein.“ Ein Leben als Berufssoldat kann er sich dennoch nicht vorstellen. „Das Strafrecht ist immer noch das, was mich besonders interessiert.“

Reservist bei der Bundeswehr

Reservist ist zunächst jeder, der seinen Dienst bei der Bundeswehr geleistet hat. Der Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr geht von acht Millionen Reservesoldaten aus.

Fest beordert , also dauerhaft eingeplant für einen Dienstposten, sind derzeit 28 000 von ihnen. Sie werden abhängig von ihrer Ausbildung und Verfügbarkeit eingesetzt.

Bezahlung: Für ihre Einsätze erhalten Reservisten eine Ausgleichszahlung. Der Tagessatz ist unter anderem auch vom Dienstgrad und Familienstand abhängig. Mehr Infos gibt es auf www.personal.bundeswehr.de.

Katrin Diederichs

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