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Ostholstein Einbahnstraße Obdachlosenunterkunft
Lokales Ostholstein Einbahnstraße Obdachlosenunterkunft
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16:28 12.05.2016
„Wir haben extra eine Person für die Betreuung von Wohnungslosen eingestellt.“ Martin Voigt, Bürgermeister Oldenburg

 Heiner Backer, fachlich-wirtschaftlicher Leiter des Betreuungsvereins „Nah dran e. V.“, spricht gar von einer „Einbahnstraße Obdachlosenunterkunft“.

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Ostholsteins Betreuungsvereine suchen händeringend nach Wohnraum für ihre Klientel – Immer mehr Bedürftige drängen auf den Wohnungsmarkt – Verein „Nah dran“ fordert Netzwerk für Wohnungslose.

Backer führt einen Betreuungsfall als Beispiel an. Malte F. (Name geändert) hat nach einer Trennung eine schwere Depression entwickelt. Eine lange Krankheitsphase und der Verlust des Jobs führen schließlich in die Obdachlosigkeit – trotz rechtlicher Betreuung und ungezählter Bewerbungen bei Wohnungsbauunternehmen.

Wer den Stempel Obdachlosigkeit in seinen Unterlagen führe, habe kaum Chancen auf dem Wohnungsmarkt, sagt Backer. Schicksalsschläge wie physische oder psychische Erkrankungen, Trennungen oder Überschuldungen zögen weitere Folgen wie Schufa-Einträge oder fehlende beziehungsweise negative Vormieter-Bescheinigungen nach sich. Hinzu kommt: Der Wohnungsmarkt im unteren sozialen Bereich wird immer stärker umkämpft.

„Wenn wir Bewerbungen haben und das passt, dann steht da einer Vermietung nichts im Wege“, meint Peter Sauer, hauptamtliches Vorstandsmitglied des Oldenburger Wohnungsunternehmens (OWU). In jüngster Zeit könne er sich jedoch nicht erinnern, dass Wohnraum an Obdachlose vermietet worden sei, räumt er ein.

Klaus Häring, Geschäftsführer beim Betreuungsverein Ostholstein des DRK, hält dagegen: „Bei Wohnungsbaugesellschaften finden wir keine Wohnung.“ Zu groß seien die Befürchtungen in Bezug auf ausbleibende Mieten oder Verwahrlosung des Wohnraums. Häring: „Dabei sorgen die Betreuer ja gerade dafür, dass solche Situationen nicht eintreten.“ Es müsse Wohnraum bereitgestellt werden, der auf der Grundlage der Grundsicherung auch erschwinglich sei.

Bei der Wohnungsbaugesellschaft Ostholstein (Wobau OH) sind immerhin 30 Wohnungen mit zuvor Wohnungslosen belegt. „Wir arbeiten mit rund zehn gesetzlichen Betreuern zusammen“, berichtet Wobau-Geschäftsführer Fabian Weist. Die Lage auf dem Wohnungsmarkt sei insbesondere im Kreisnorden angespannt. Für Wohnungslose, Flüchtlinge sowie Menschen, die über die Drogenhilfe oder das Frauenhaus vermittelt würden, hat die Wobau rund 100 Wohnungen zur Verfügung gestellt. Weist: „Das sind Personen, die auf dem freien Wohnungsmarkt wohl kaum etwas finden würden.“

Derweil spitzt sich die Lage auf dem Wohnungsmarkt zu: Immer mehr Sozialwohnungen fallen aus der Mietpreisbindung heraus, während gleichzeitig die Zahl der Bedürftigen steigt. Dringenden Handlungsbedarf sieht in dieser Hinsicht Neustadts Bürgermeisterin Tordis Batscheider (SPD): „Wir planen aktuell zwei Mehrfamilienhäuser für den sozialen Wohnungsbau“, berichtet sie. Einen Baubeginn in diesem Jahr vorausgesetzt, könnten die Häuser bereits im ersten Halbjahr 2017 bezugsfertig sein.

In Oldenburg versucht man das Übel an der Wurzel zu bekämpfen. Die Stadt habe einen Mitarbeiter eingestellt, der die Bewohner von Schlichtwohnungen bei Behördengängen an die Hand nehme und auch darauf achte, dass der Wohnraum nicht verkommt, schildert Bürgermeister Martin Voigt (parteilos). Die Anstrengungen fruchten: In den vergangenen Jahren hat die Stadt dank gezielter Bemühungen und Gesprächen mit privaten Vermietern mehrere Bewohner der Schlichtwohnungen in Mietwohnungen vermitteln können. Viel Lob gibt es dafür auch von den Betreuungsvereinen.

In Eutin bietet der Verein „Dach überm Kopf“ in Zusammenarbeit mit der Diakonie in Not geratenen Menschen vorübergehend eine Wohnung an, um so die Wohnungssuche überbrücken zu können.

Allerdings mache sich auch hier die Wohnungsnot bemerkbar. Die maximale Unterbringungsdauer wurde von drei auf sechs Monate erhöht.

Heiner Backer schwebt derweil ein Netzwerk aus Kommunen, Behörden, Vorständen der Wohnungsbaugesellschaften und der Kirche vor. Backer: „Hier müssen jetzt deutliche gemeinsame Anstrengungen folgen, um die Lage in den Griff zu bekommen.“

Von Thomas Klatt

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