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Ostholstein Eine Abschiebung ohne Abschied
Lokales Ostholstein Eine Abschiebung ohne Abschied
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23:55 12.09.2013
Abschied per Foto aus der Zeitung: Die „Troll-Kinder“ aus der Zwergenburg in Heringsdorf. Quelle: Foto: Peter Mantik
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Heringsdorf

Dass es kein glückliches Ende nehmen würde, war allen irgendwie klar, dafür waren die Vorzeichen vom ersten Tag an zu eindeutig. Dennoch war die Trauer groß, als es schließlich in einer Nacht- und Nebelaktion passierte. Es ist die Geschichte eines jungen Sinti-Paares aus dem Kosovo, das auf der Suche nach einer neuen Zukunft mit seinen zwei kleinen Söhnen Bairus und Gzim sowie dem damals noch Ungeborenen Jusuf im November 2011 illegal nach Deutschland einreiste. Sie wurden schließlich in der Gemeinde Heringsdorf untergebracht — und fanden dort eine neue Heimat. Doch jetzt, am 13. August, mehr als eineinhalb Jahre später und für Freunde und Außenstehende völlig unvermittelt, erfolgte die Zwangs-Abholung und Ausweisung der mittlerweile um ein Kind angewachsenen Familie — per Kleinbus mit getönten Scheiben und dann mit dem Flugzeug von Frankfurt/Main zurück nach Pristina im Kosovo.

Die Kinder, Eltern und Erzieher des Kindergartens Zwergenburg, in dem die Kinder der Familie untergebracht waren, haben den Verlust bis heute nicht endgültig aufarbeiten können. Leiterin Barbara Hamann kommen mit Blick auf die ehemalige Wohnung der Familie im Brohörnring die Tränen. Sie sagt: „Für uns alle ist es schlimm, dass wir uns nicht verabschieden konnten. Die Art und Weise, wie es passierte, erinnerte mich stark an einen Polizeieinsatz gegen Schwerverbrecher. Die Kinder wurden aus dem Schlaf gerissen und entwurzelt.“ Dies alles schmerze, zumal die Integration vollends funktioniert habe und der gesellschaftliche Anschluss bis hin zu neuen Freundschaften alle im Ort sehr erfreut habe. Bürgermeister Gerd Heino (CDU) ist ebenfalls in die Zwergenburg gekommen. „Die Abschiebung ist formell nachzuvollziehen, aber menschlich für diejenigen, die mit der Familie in engem Kontakt standen, natürlich nur schwer verständlich“, sagt er. Er wolle sich nun beim Kreis Ostholstein dafür einsetzen, zumindest die neue Adresse der Familie ausfindig zu machen. „Wir könnten dann ein Abschiedspaket schnüren und ihnen zukommen lassen“, führt Heino weiter aus. Hamann erzählt sogar, dass es Gedankenspiele in der Elternschaft gegeben habe, Geld zu sammeln, um die Familie für eine persönliche Verabschiedung nochmals einzufliegen. Hamann erzählt: „Wir wissen ja nicht einmal, wie es ihnen jetzt geht. Ihr altes Handy ist nicht erreichbar, der Kontakt ist komplett abgerissen.“

Die Pressestelle des Kreises Ostholstein bestätigt die nächtliche Abschiebung. Allerdings habe es vor dem 13. August bereits einen mit Schreiben vom 5. Juli mitgeteilten Termin am 24. Juli gegeben, zu dem sich die Familie in Neumünster hätte einfinden sollen, um am 25. Juli per Flugzeug heimgeflogen zu werden. Die Familie erschien nicht. Daher die Zwangsabschiebung im August, die die Menschen in Heringsdorf emotional so berührt. Im Schreiben des Kreises heißt es weiter, dass die mittlerweile erneut schwangere Mutter während der Ausweisung unter ärztlicher Betreuung gestanden habe. Violetta B. war Ende 2011 ebenfalls hochschwanger eingereist, hatte nur deshalb mit der gesamten Familie bleiben dürfen. Alle juristischen Bemühungen, eine Abschiebung in die alte Heimat noch zu verhindern, scheiterten. Die letzte im Juni 2013 vor dem Oberverwaltungsgericht.

Frühstück bei den Trollen, der Gruppe, in der Bairus (5) und Gzim (3) die Einrichtung besuchten. Die Kinder winken, manche fröhlich, andere nachdenklich. Es soll ein Foto zum Abschied und als Gruß aus der Ferne sein. „Wissen sie“, sagt Hamann, „der dritte Bruder Jusuf war gerade einen Tag bei uns in der Krippe. Wir hatten Hoffnung, dass die Familie noch bleiben dürfte, weil ja die Mutter wieder schwanger war. Nun sind sie alle weg.“

Peter Mantik

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