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Ostholstein Eine bewegende Familiengeschichte
Lokales Ostholstein Eine bewegende Familiengeschichte
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08:36 17.08.2017
Dr. Wolfgang Griep (2. v. l.), Vorsitzender des Kulturbundes Eutin, im Gespräch mit Miroslav Nemec (v. l.), Übersetzerin Renata Steindorff und Autor Miljenko Jergovic. Quelle: Foto: Beke Zill
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Eutin

1144 Seiten umfasst das Buch des bosnischen Schriftstellers Miljenko Jergovic. Einige Passagen aus „Die unerhörte Geschichte meiner Familie“ bekamen Gäste nun bei einer Lesung im Binchen-Filmkunsttheater in Eutin zu hören, vorgelesen von Tatort-Star Miroslav Nemec.

Der Schauspieler, dem Fernsehpublikum besser bekannt als Kriminalhauptkommissar Ivo Batic aus München, ist mit Jergovic befreundet. Der Autor selbst, der inzwischen in Zagreb lebt, las in Originalsprache aus seinem Werk. Moderator Dr. Wolfgang Griep fragte sich schon zu Beginn des Abends, ob das Buch, das eingerahmt von Jergovic Familiengeschichte ein Jahrhundert der Geschichte der Balkanstaaten umfasst, eine Biografie oder ein Roman sei. „Er schreibt nicht chronologisch, sondern konzentrisch. Das macht das Buch so interessant“, erklärte Griep dem Publikum in seiner kurzen Einleitung, ehe Miljenko Jergovic selbst zum Mikrofon griff und in seiner Sprache einen kurzen Ausschnitt aus dem Buch vortrug.

Miroslav Nemec, der in Zagreb aufgewachsen ist, schmunzelte manchmal, während sein Freund las. Wohl die wenigsten im Publikum konnten den Autor verstehen. So setzte der Schauspieler seine Lesebrille auf und begann, die Passage „Da, wo andere Menschen wohnen“ auf Deutsch vorzutragen. Anfang der 1930er Jahre in einer sprachlich vielschichtigen Umgebung: Nemec erzählte unter anderem vom Urgroßvater, dem Eisenbahner, der Deutsch sprach, und die Welt anders sah als die gewöhnlichen Menschen. „Ich weiß, dass ich kein Vaterland habe“, las Nemec vor. Der Autor folgt der mütterlichen Seite seiner Familie über vier Generationen durch vier Nationen des alten Habsburgerreiches und durch drei Kriege.

Im zweiten Ausschnitt geht es um seine Großmutter und die Kindheit seiner Mutter in Sarajewo, zu der Jergovic immer ein schwieriges Verhältnis hatte. Sie starb 2012 an Krebs. Kurz vor ihrem Tod erzählte sie ihrem Sohn alles über ihre Familie. „Mein Talent ist ihr Verdienst. Sie hat alles aufgegeben, sie hat sich aufgeopfert. Ich hatte nur noch Spott für sie“, las Nemec. Als Jergovic erfuhr, dass seine Mutter stirbt, verging ihm der Spott. „Ich kann erst wieder spotten, wenn ich vergessen habe“, sagte der Schriftsteller, der von Renata Steindorff übersetzt wurde.

Sei es eine Befreiung für ihn gewesen, über seine Mutter zu schreiben?, fragte Griep im anschließenden Gespräch. „Sie hat ständig an ihr Lebensunglück gedacht“, sagte der Autor, der seine Mutter als Nebenperson bezeichnet. Sie gab den Kindern die Schuld an ihrer Krankheit. „Das war unerträglich.“ Deshalb habe der Autor sie ausgefragt über ihre Vorfahren. Er habe sich aber von nichts befreit, obwohl er eine gewisse psychotherapeutische Wirkung zugab.

Für viel Gelächter sorgte der Buchausschnitt über die Straße „Sepetarovac“, in der Jergovic aufgewachsen ist, bis 1993 gewohnt hat und die er als „die steilste Straße der Welt“ bezeichnet. Er habe in Nummer 23 gewohnt. Die ersten 50 Meter seien die schwierigsten. Nemec las über Jergovics Nachbarn, über die Bäckerei, wo er Hörnchen kaufte, davon, wie die Anwohner die Straße bewältigen. Jergovic schreibt auch über eine Nebenstraße, in der die Zeit stehengeblieben zu sein schien. Bis die Bomben fielen. „Damit wurde der Kalender angeglichen“, las Nemec.

Eine Biografie sei das Werk übrigens nicht, betonte der Autor. Die Biografie sei nur Material für den Roman gewesen. Eigentlich wollte der Autor nicht über Politik und das Land schreiben, auch nicht über die Geschichte. Doch jede balkanische Erzählung seieine Geschichte über Nationalsozialismus, die sich bis in den heutigen Tag wiederhole. Im 20. Jahrhundert gab es vier große Kriege. Es ging immer um Nationalsozialismus, nur immer in einer anderen Variante, geführt von großem Selbsthass. „Keiner von uns hat eine reine Identität. Jeder ist auch der Andere“, sagte Jergovic. „Und den hassen wir in uns. Das ist in der Geschichte nicht zu lösen. Doch eigentlich sollte das doch das Schöne sein. Aber mein Buch handelt nicht davon.“

Mehr Nachrichten aus Eutin unter www.ln-online.de/eutin

 Beke Zill

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