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Erstes Weihnachtsfest nach Kriegsende

Fehmarn Erstes Weihnachtsfest nach Kriegsende

Ostholstein vor 70 Jahren: Heiligabend 1945 rücken Einheimische und Flüchtlinge zusammen — Im strengen Winter 1946 fehlt es oft an Heizmaterial und warmer Bekleidung, doch Not macht erfinderisch.

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Eine historische Stadtansicht von Eutin: Im Winter wurde es für viele Menschen oft beschwerlich. Doch sie wussten sich zu helfen — in den Kriegsjahren wie nach dem schwierigen Neubeginn 1945. Denn die Menschen in Ostholstein hatten sich an harte Winter gewöhnt.

Quelle: Fotos: Gjs, Ln, Archiv Klahn

Fehmarn. Er ist Zeitzeuge und bis heute als Heimatforscher ein gefragter Chronist. „Als das Tausendjährige Reich zusammenbrach, waren wir 15-Jährigen plötzlich die Erwachsenen“, erinnert sich Karl-Wilhelm Klahn von der Insel Fehmarn. Das erste bescheidene Weihnachtsfest und den harten Winter nach Kriegsende erlebt der heute 85-Jährige hautnah mit.

70 Jahre liegt das jetzt alles zurück. Der Neuanfang in ganz Ostholstein ist kein leichter. Die englischen Truppen kommen, der Flüchtlingsstrom aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten reißt nicht ab. Ein Neuanfang mit Hindernissen: In vielen Dörfern zum Beispiel rund um Lensahn fällt der Schulunterricht aus. Das heutige Gymnasium in Oldenburg wird kurzzeitig zum Lazarett. „Ein Lattenverschlag im Flur ist Labor und Behandlungsraum“, notiert Uwe Stock vor gut zehn Jahren im Buch „Lensahner Schulgeschichte(n)“.

Im bald hereinbrechenden Winter wird es kaum besser. Lehrer fehlen, ebenso Stühle, Tische und Schulhefte, in der kalten Jahreszeit dann vor allem die Steinkohle, um den Ofen überhaupt anheizen zu können. Und oft wird geplündert.

Stichwort Steinkohle: Für einen behaglichen Heiligabend mangelt es in vielen Haushalten an allem. Die Familie Klahn hat Glück. Als im — übrigens ausgesprochen schönen — Sommer 1945 der reetgedeckte Schuppen des Vaters in Burgtiefe zusammenbricht und britische Soldaten das Holz herausschneiden, um Esel „Lisa“ zu braten, kauft ihm ein wohlhabender Grubenbesitzer aus dem Rheinland das Reet ab.

Dafür schickt er eine ordentliche Lkw-Ladung mit Steinkohle nach Fehmarn. Die ist damals so gefragt, dass man sie nur heimlich mit der Schubkarre durch die Stadt Burg transportieren kann. „Wir sind gut durch den Winter gekommen“, schmunzelt Klahn.

Brechend voll sind damals am Heiligabend alle Kirchen in Ostholstein. Wie in der Burger St.Nikolaikirche: Einheimische und Flüchtlinge rücken zusammen, sie singen gemeinsam Weihnachtslieder. Einen eigenen Tannenbaum kann sich kaum einer, der auf der Flucht Hab und Gut verloren hat, leisten.

Es gibt auch Fehmaraner, die abends „ihre“ Flüchtlinge zu sich ins Wohnzimmer holen. Klahn: „Das waren doch alles Christen, ob evangelisch oder katholisch, spielte keine Rolle.“ Nicht gespart werden muss in vielen Haushalten am Weihnachtsessen. Nach der witterungsbedingt guten Ernte 1945 gibt es genug Brot, Kohl oder Rüben. Fast jeder hält sich auf dem Hinterhof eine paar Hühner und ein Schwein.

Schwieriger sieht es mit warmer Bekleidung aus. Klahn: „Frauen und Mädchen liefen oft in Röcken aus umgearbeiteten karierten Bettdecken der Wehrmacht herum.“ Auch viele Jacken und Mäntel sind auf diesem Stoff. Im folgenden harten Winter ist das Gold wert.

Wer Not leidet, bedient sich schon seit dem Sommer aus dem Vorratslager der Wehrmacht im Hiss-Speicher am Steinkamp. Butterschmalz, Bettgestelle, Strohsäcke für Matratzen, Stühle oder Tische — hier können sich vor allem die Flüchtlingen eindecken.

Sogar Geschenke gibt‘s zu Weihnachten 1945. Zum Beispiel bei den Klahns: Ein Nachbar tischlert gerne — und fertigt unter anderem einen hölzernen Schlitten für den Bruder. „Spielsachen zu kaufen gab es dagegen nicht“, so Klahn.

Es naht der harte Winter — und die Menschen rücken oft noch näher zusammen. Je tiefer die Temperaturen sinken, desto mehr wächst der Bedarf an Brennmaterial für den Ofen. Die Familie Klahn zehrt in diesem Winter von der Steinkohle aus dem Rheinland. Die meisten Fehmaraner sind aber fast ausschließlich auf Brennholz angewiesen. Der Burger Bürgermeister vergibt daher die Plätze, wo Bäume abgesägt werden dürfen.

„Meinem Vater wurde ein Baum im Schützenhof-Park in Burgstaaken zugeteilt“, so Klahn. Geopfert werden auch die Chausseebäume an der Strecke Burg-Fehmarnsund und an anderen Standorten. Not macht schon seit Jahren erfinderisch: Als für die Fähre, die vom Festland aus den Sund nach Fehmarn und zurück quert, die Kohle ausgeht, wird 1945 der Dampfkessel zunächst mit aufgeschnittenen Schwellen in Gang gesetzt.

Die beiden strengen Winter 1945 und 1946 sind aber nur erste Vorboten. „Die Menschen haben sich an harte Winter gewöhnt“, so Uwe Stock. Niemand ahnt damals, was im so genannten „Hungerwinter“ 1946/47 auf die Menschen in Ostholstein noch zukommt. In der Erzählungen der älteren Ostholsteiner wirkt er bis heute heftig nach. Fotos so wie heute, wenn Naturkatastrophen hereinbrechen, gibt es aus dieser Zeit aber kaum. Denn wer hat schon einen Fotoapparat? Stock: „Außerdem hatten die Menschen größere Sorgen, als ihr Elend auch noch zu fotografieren.“

Gerd-J. Schwennsen

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