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Ostholstein Langzeit-Kontrolle: Jeder dritte Sprinter-Fahrer macht keine Pausen
Lokales Ostholstein Langzeit-Kontrolle: Jeder dritte Sprinter-Fahrer macht keine Pausen
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16:23 26.01.2019
Lkw, Pkw und immer wieder die Sprinter. Sie transportieren Güter aller Art kreuz und quer durch Europa. Quelle: Gäbler
Fehmarn

Sie fahren mit ihren Sprintern kreuz und quer durch Europa: Früh morgens wird Ladung in Italien aufgenommen, 16 Stunden später in Kopenhagen abgeliefert. Dann geht’s gleich weiter – nach Belgien, Frankreich oder Polen. Immer wieder sind die rasenden Kuriere in schwere Unfälle verwickelt. Eine einjährige Sprinter-Kontrolle im Fährhafen Puttgarden ist jetzt ausgewertet und sie dokumentiert: Jeder dritte Sprinter-Fahrer sitzt viel zu lange hinterm Steuer, ist somit völlig übermüdet, steht unter permanentem Zeitdruck und kann deshalb kaum Pausen einlegen. Die müssen aber – genau wie bei Lkw-Fahrern – eingehalten werden. Aber kaum ein Sprinter-Fahrer hält sich daran.

Letzte Glied in der Lieferkette

Ursprünglich waren sie das letzte Glied in der Lieferkette: die Lieferfahrer. Schwere Lkw übernahmen die Transporte vom Hersteller zum Zielort. Dann kamen die weißen Kastenfahrzeuge mit einem zulässigen Gesamtgewicht von 2,8 bis 3,5 Tonnen („Sprinter-Klasse“) und brachten die Ware zum Händler. „Das hat sich alles komplett gewandelt“, erklärt Polizeihauptkommissar Frank Petri (56), Chef des Wasserschutzpolizei (Wapo)-Reviers Puttgarden: „Inzwischen rasen die Sprinter kreuz und quer durch Europa. Das ist für die Firmen mit deutlich weniger Kosten verbunden.“

Sprinter-Kontrolle im Fährhafen Puttgarden auf Fehmarn. Polizei-Hauptkommissar Frank Petri (56) zieht Bilanz.  Quelle: Gäbler

Das zehnköpfige Wapo-Team Puttgarden, zuständig für die gesamte Sicherheit im Fährhafen, kontrollierte deshalb ein ganzes Jahr lang – neben den eigentlichen Aufgaben – speziell die weißen Kastenfahrzeuge. Hierbei ging es zunächst um die Gefahrgut-Sicherung. Petri: „Aber es gab kaum Beanstandungen. Die Ware war in der Regel ordentlich gesichert und gekennzeichnet.“ So weit, so gut, sagt Petri und verweist auf einen anderen, besorgniserregenden Bereich, den die Kontrolle ergab: Schwere Verstöße gegen Lenk- und Ruhezeiten, die die Sprinterfahrer genauso einlegen müssen wie Lkw-Fahrer.

Pausen 28 Tage lang nachweisen

„Doch kaum ein Fahrer kennt die Vorschriften“, sagt Petri. Kein Wunder, handelt es sich doch häufig um Azubis, Studenten und Rentner, die mit dem normalen Führerschein Klasse B hinter dem Steuer sitzen. Aber auch sie müssen Tachostand, Fahr- und Ruhezeiten – sofern das nicht wie im Lkw elektronisch erfasst wird – wenigstens notieren und 28 Tage lang nachweisen können. Das bedeutet, ein Fahrtenbuch zu führen: Startort, Zielort, eingelegte Pausen, und und und. Petri: „Wer nicht glaubhaft nachweisen kann, dass er unterwegs die Ruhezeiten eingehalten hat, dem droht ein Bußgeld in Höhe von 150 Euro.“

Anzeigen gegen Fahrer und Firmen

Knapp 1000 Sprinter wurden 2018 von der Wasserschutzpolizei im Fährhafen Puttgarden aus der Spur geholt und überprüft. Das Ergebnis: Bei 30 Prozent der untersuchten Fahrzeuge (sieben Prozent aus Deutschland, 54 Prozent aus Polen, 15 Prozent aus Rumänien und 24 Prozent aus anderen Staaten) gab es Beanstandungen – wegen der Lenk- und Ruhezeiten. 90 Anzeigen wurden gegen die Fahrer geschrieben, 78 Anzeigen gegen die Unternehmer. Denn sie sind es, die ihre Fahrer auf die Gesetzeslage hinweisen müssen – es in der Regel aber unterlassen. Denn: Zeit ist Geld in der Branche.

Das sind die Vorschriften

Die höchstzulässige Tageslenkzeit, Fahrtunterbrechung, wöchentliche Lenkzeit sowie die tägliche und wöchentliche Mindestruhezeit für alle Fahrer von Kraftfahrzeugen im Güter- und Personenkraftverkehr sind in der Lenk- und Ruhezeitenverordnung festgelegt. Die maximale tägliche Tageslenkzeit beträgt neun Stunden; maximal zwei Mal wöchentlich dürfen es zehn Stunden sein; die maximale Wochenlenkzeit beträgt 56 Stunden, die maximale Gesamtlenkzeit über zwei Wochen sind 90 Stunden. Weitere Informationen zum Thema gibt es im Internet auf www.kfz-auskunft.de/lkw/lenkzeiten-ruhezeiten.php

Einen Lichtblick gäbe es allerdings, bilanziert Stephan Petri im LN-Gespräch: „Zu Beginn des Kontrolljahres hatten wir sehr viele Beanstandungen. Das wurde im weiteren Verlauf langsam besser. Es scheint sich in der Branche herumgesprochen zu haben, dass die Lenk- und Ruhezeiten spätestens hier im Fährhafen Puttgarden kontrolliert werden.“

Louis Gäbler

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