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Fehlen im Unterricht – dafür gibt es viele Gründe

Eutin Fehlen im Unterricht – dafür gibt es viele Gründe

Kooperation von Wisser-Schule und Jugendhilfe gegen Schulabsentismus.

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Leere Plätze im Klassenzimmer: Schulabsentismus kommt an allen Schularten vor.

Quelle: Fotos: Benthien (2), Dpa

Eutin. Schulabsentismus ist ein sperriges Wort – und ein Problem, mit dem sich Schulen immer häufiger konfrontiert sehen. Das Fernbleiben vom Unterricht als Schwänzen abzutun, ist zu kurz gesprungen. „Schwänzen, also keine Lust auf Schule zu haben, ist nur ein Grund. Es gibt aber viele weitere Gründe“, sagt Heike Junge, seit drei Jahren Schulsozialarbeiterin an der Eutiner Wilhelm-Wisser-Schule. Das Wort Schwänzen beinhalte zudem schon eine Wertung, der Begriff Schulabsentismus dagegen nicht. „Es sagt aus, dass Jugendliche nicht da sind, aus welchem Grund auch immer.“

Neben der „Null-Bock-Haltung“ zu Mathe, Deutsch und Co. ist das Schulangst. Wegen Mobbings durch Mitschüler, aufgrund von Stress-Situationen mit Lehrern und der Furcht, im Unterricht zu versagen. Aber es gibt auch Eltern, die ihre Kinder vom Schulbesuch zurückhalten: weil sie zu Hause helfen müssen oder weil Mutter oder Vater körperlich oder psychisch krank sind. Die Gründe herauszufinden, ist für Lehrer und Schulsozialarbeiter häufig nicht einfach. „Wir sind auf die Zusammenarbeit mit den Eltern angewiesen. Wenn die Eltern auf Seite der Schule sind, bekommen wir die Kinder auch wieder in die Schule“, sagt Heike Junge.

Dass Kinder und Jugendliche der Schule fernbleiben, ist nicht neu, aber der Absentismus ist mehr im Fokus, „weil die Aufmerksamkeit der Lehrer und Sozialarbeiter zugenommen hat“, sagen Heike Junge und Wilfried Schultz vom Kreisjugendamt. Sicher seien auch die Zahlen höher. „Weil es mehr Schüler gibt, die sich dem Leistungsdruck nicht gewachsen sehen und aufgeben. Und auch, weil seelische Erkrankungen bei Kindern und Eltern zunehmen.“

Bis zu zehn Fehltage pro Halbjahr werden an der Wisser-Gemeinschaftsschule als unproblematisch eingestuft. Wenn sich unentschuldigte Fehltage häufen, haken Lehrer und Sozialarbeiterin energisch nach.

„Meist hat der Klassenlehrer bereits mit dem betreffenden Schüler oder den Eltern gesprochen“, sagt Heike Junge. Sie ist aber ebenfalls schnell mit im Boot. „Ich gebe keine Noten, stehe neben dem Schulsystem und habe Schweigepflicht. Da fällt es manchem leichter, sich mir zu öffnen.“

Zum Stichtag 31. Januar 2017 gab es an der Wisser-Schule (780 Schüler) 52 Kinder und Jugendliche mit mehr als zehn Fehltagen. „Darin sind allerdings auch kranke Schüler enthalten“, relativiert Heike Junge. Erscheint ein Mädchen oder ein Junge mehr als 15 Tage nicht, ohne eine Entschuldigung vorzuweisen, wird auch das Kreisjugendamt eingeschaltet.

Schule und Jugendhilfe haben eine Kooperationsvereinbarung. „Es gibt ein ,Fallforum Schulabsentismus’, in dem Vertreter der Schule, aus dem Schulsozialdienst, dem Fachdienst Gesundheit, der Schulpsychologischen Beratungsstelle und dem Fachdienst Soziale Dienste der Jugendhilfe sitzen. Die Beratung ist anonym“, erläutert Wilfried Schultz. Das Forum tagt alle sechs Wochen, es ist ein Modellprojekt, das im Herbst 2016 angelaufen ist. Das Resultat kann Unterstützung für den Klassenlehrer bedeuten, bei einer seelischen Erkrankung des Kindes integrative Hilfe (Schulbegleitung) oder therapeutische Hilfe, es kann auf Familienberatung hinauslaufen, auch mit Hausbesuchen. Ganz am Ende des Maßnahmenkatalogs stehen die Abholung eines Schülers durch die Polizei und Bußgelder für Eltern oder Kind. „Das Geld soll den Druck erhöhen, zum Gespräch zurückzukehren“, erklären Junge und Schultz.

Mit „SchuB“ zum Schulabschluss

Das Ziel ist, jedem Jugendlichen zu einem Schulabschluss zu verhelfen. Dafür treten Schulsozialarbeiterin Heike Junge und Wilfried Schultz von den Sozialen Diensten der Jugendhilfe und ihre Kollegen ein. Wer nach neun Jahren Vollzeitschulpflicht wegen zu vieler unentschuldigter Fehltage ohne Abschluss seiner Schule verwiesen wird, hat über das Modellprogramm „Jugend stärken im Quartier. Schule und Beruf – SchuB im Kreis Ostholstein“ noch eine weitere Chance.

„Wir wollen die jungen Menschen so stabilisieren, dass sie im zweiten Anlauf doch noch den ersten allgemeinbildenden Schulabschluss schaffen“, sagt Wilfried Schultz. „Mit neuen Lehrern, neuen Klassenkameraden und neuem Unterrichtsstoff wird ein neuer Anfang gemacht.“ „SchuB“ wird vom Fachdienst Soziale Dienste koordiniert. Das Programm findet an den Beruflichen Schulen Eutin und Oldenburg statt. Kooperationspartner sind der Kinderschutzbund in Ostholstein und der CJD Schleswig-Holstein. Haben sie den Abschluss in der Tasche, helfen die Experten den jungen Menschen auch bei Bewerbungen und dem Übergang in einen Beruf.

Das Modellprogramm des Europäischen Sozialfonds (ESF) ist im April 2015 gestartet, es läuft bis Dezember 2018. Kosten: eine Million Euro. Bei „SchuB“ mitzumachen, ist freiwillig. „In Ostholstein haben bereits 244 junge Menschen teilgenommen. Wir sind froh und stolz auf das Projekt“, sagt Wilfried Schultz. ben

Kontakt per E-Mail über die Adresse w.schultz@kreis-oh.de.

ben

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