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Ostholstein Skelettfunde bleiben rätselhaft
Lokales Ostholstein Skelettfunde bleiben rätselhaft
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22:06 09.12.2018
In einem der drei Gräber haben die Wissenschaftler drei Skelette gefunden: Sie sollen über 100 Jahre alt sein. Quelle: dpa/Rainer Jensen
Fehmarn

Mit Schaufel und Kelle sitzen Ingo Clausen und sein Team in einem Erdloch auf Fehmarn. Vor ihnen ragen drei Schädel und ein Hüftknochen aus dem sandigen Boden. Clausen befreit die rotbraunen Knochen vorsichtig vom Sand, während seine Kollegin Alissa Foltin den Sand händeweise aus dem Loch hebt. Langsam wird immer mehr sichtbar, was zu Füßen der Archäologen liegt: Es sind drei menschliche Skelette. Sie liegen in einem von drei Gräbern, die in Strandnähe gefunden worden sind. „Passt auf, dass ihr die Knochenoberfläche nicht beschädigt“, sagt Clausen zu seinen Mitarbeitern.

Ingo Clausen ist Dezernatsleiter des Archäologischen Landesamtes Schleswig-Holstein (ALSH) in Neumünster. Er und sein Team sind seit einer Woche dabei, die menschlichen Überreste auf einem Campingplatz in Flügge zu bergen. Gefunden wurden sie bei Tiefbauarbeiten. „Das war natürlich eine Überraschung“, sagt Manuela Krausen. Sie und ihr Mann Jonas haben den Campingplatz gepachtet. „Plötzlich stand der Bauleiter vor uns und sagte, wir müssten uns da mal etwas angucken.“ Als der letzte Graben ausgehoben wurde, entdeckten die Arbeiter die Vorderseite eines Schädels, die aus der Grube herausragte – Zufall, sagt Krausen. „Hätten wir fünf Zentimeter vorbei gegraben oder hätte es in der Nacht nicht geregnet, wären wir da nicht drauf gestoßen.“

Manuela und Jonas Krausen haben die Grabstätten durch Zufall entdeckt. Eigentlich sollten Bauarbeiten auf ihrem Campingplatz durchgeführt werden. Quelle: Saskia Hassink

Drei Gräber, sieben Skelette und ein einzelner Schädel gefunden

Nach dem Fund alarmierten Manuela und Jonas Krausen die Polizei. Durch ein rechtsmedizinisches Gutachten konnte festgestellt werden, dass die Knochen mindestens über 100 Jahre alt sind (die LN berichteten). Die Gerichtsmedizinerin konnte außerdem eine verfolgbare Straftat ausschließen. Damit kam Ingo Clausen ins Spiel. In einer Woche haben er und sein Team insgesamt sieben Skelette und einen einzelnen Schädel entdeckt.

Die Mitarbeiter des Archäologischen Landesamtes Schleswig-Holstein müssen vorsichtig arbeiten, um die zerbrechlichen Knochen nicht zu beschädigen. In insgesamt drei Gräbern haben sie Knochen gefunden.

„Die Ost-West-Ausrichtung der Gräber lässt auf eine christliche Bestattung schließen“, sagte Clausen. Er sitzt vor den drei Schädeln, die ihn mit leerem Blick anstarren. Dicht an dicht – beinahe übereinander – wurden diese Toten in einer Ruhestätte bestattet, der Arm des einen Skeletts scheint komisch verdreht. „Die sind da richtig reingeworfen worden“, sagt der Archäologe. In einem anderen Grab wurde dagegen nur ein Toter bestattet. Er liegt tiefer und sein Grab wurde mit einer 20 bis 30 Zentimeter dicken Kieselsteinschicht bedeckt. „Das war unangenehm, da durch zu kommen“, sagt Clausen. Außerdem konnten die Archäologen feststellen, dass das Skelett in einer Art Holzkiste begraben wurde. Doch warum die Toten ausgerechnet am Strand bestattet liegen, bleibt ihnen ein Rätsel.

Steinzeitliche Knochen

Die Archäologen haben einen weiteren Fund gemacht: Unter den Skeletten fanden sie Tierknochen und Feuerstein-Fragmente, die typisch für die Jungsteinzeit seien. „Die Knochen waren verbrannt und aufgebrochen“, sagt Clausen. Das deute darauf hin, dass sie von Menschen bearbeitet wurden. Heißt: Wahrscheinlich hat ein Siedler zwischen 3500 und 2000 vor Christus an dieser Stelle eine Mahlzeit zubereitet. „Solche Fundstellen gibt es viele auf Fehmarn“, sagt Clausen.

Drei mögliche Szenarien über die Todesumstände

Immer wieder führt Michael Nieling seinen Metalldetektor über die Grabstätten. Er sucht nach metallischen Überresten wie Münzen oder Schuhschnallen, die Aufschluss über den Todeszeitpunkt der Begrabenen geben könnten. „Eine Münze in der Hand wäre ziemlich cool“, sagt Clausen. Doch Nieling bleibt ohne Erfolg. Die Wissenschaftler können so nur Vermutungen über die Todesumstände anstellen. „Naheliegend wäre eine Schiffshavarie“, sagt Clausen. Er hält dieses Szenario allerdings für unwahrscheinlich, da auch Ertrunkene oft in namenlosen Gräbern auf Friedhöfen und nicht am Strand bestattet wurden.

Eine andere Möglichkeit wäre, dass es sich bei den Skeletten um Kriegsopfer handelt, sagt Clausen. Beispielsweise aus dem Jahr 1420, als Erich von Pommern die Insel erstürmte und Zweidrittel der Bevölkerung ermordete, oder aus dem Jahr 1715, als eine Schlacht des Nordischen Krieges am Fehmarnbelt tobte. Was diese Theorien jedoch widerlegt: „Wir haben keine Bleigeschosse gefunden“, sagt Clausen. Wären es Kriegsopfer, müssten zudem auch Verletzungen wie abgetrennte Gliedmaßen zu sehen sein – die Skelette sind auf den ersten Blick jedoch unversehrt.

Nach der dritten These könnten es Opfer einer großen Epidemie sein. Aus Dänemark ist beispielsweise bekannt, dass es im 17. Jahrhundert sogenannte Pestinseln gab, auf denen man die Kranken zum Sterben brachte. „Ich glaube da aber auch nicht dran“, sagt Clausen. „Die Skelette sind von jungen Erwachsenen. Das passt nicht zum Seuchenmodell.“ Denn an Krankheiten wie Pest und Cholera seien vor allem Alte und Kinder verstorben.

Forensische Untersuchungen sollen Rätsel lösen

Der Fund bleibt also erst einmal ein Rätsel. Die Skelette liegen nun im Archäologischen Landesamt und werden dort auf weitere Untersuchungen vorbereitet. Einige Forensiker aus der Region haben bereits ihr Interesse an den Knochen bekundet. „Der kuriose Fundort erweckt natürlich Neugier“, sagt Clausen. Die Archäologen hoffen, dass die forensischen Untersuchungen Licht in das Rätsel um die Skelette auf Fehmarn bringen.

Saskia Hassink

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