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Ostholstein Felix geht auf die Walz
Lokales Ostholstein Felix geht auf die Walz
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16:38 03.11.2018
Felix Lambeck (21) aus Neustadt geht am Sonntag, 4. November 2018, für drei Jahre und einen Tag auf die Walz. Quelle: Luisa Jacobsen
Neustadt

Weihnachten wird Felix Lambeck an einem unbekannten Ort allein verbringen. Oder vielleicht mit Menschen, die er jetzt noch gar nicht kennt. Gewiss ist nur, dass wenn das Fest da ist, Felix bereits viele Kilometer zurückgelegt haben wird. Zu Fuß oder per Anhalter. Am heutigen Sonntag macht sich der Zimmermann auf eine Reise, die heutzutage nur noch wenige Handwerker antreten. Er geht auf die Walz.

Vom späten Mittelalter bis zum Beginn der Industrialisierung mussten alle Handwerker, die Meister werden wollten, auf diese Wanderung gehen. 2018 ziehen nach Schätzung des Dachverbands der Wandergesellen nur noch 500 bis 550 junge Gesellen durch Deutschland. Entweder sind sie in Anbindung an Schächte (Vereinigungen von Handwerkern auf Wanderschaft) unterwegs, oder als sogenannte Freireisende.

Eine Reise in die Freiheit – geprägt von Regeln und Tradition

Felix gehört zu ersteren. Nach seinem Entschluss, auf die Walz zu gehen, hat er sich an den Rolandschacht gewandt, eine mehr als 120 Jahre alte Vereinigung von Bauhandwerksgesellen auf Wanderschaft. Ein Schacht bietet Herbergen und Anlaufstellen in vielen Städten, es gibt Zusammentreffen, Riten und Bräuche – die gepflegt und in vielen Fällen geheim gehalten werden.

Die Anbindung an einen Schacht bedeutet auch, sich während der Reise an Regeln halten zu müssen. Eine davon ist der Bannkreis von 60 Kilometern rund um die Heimatstadt. „Bis zum Ende der Wanderschaft darf ich den nicht betreten“, sagt Felix. Heute Mittag wird er von Freunden über ein Ortsschild in Neustadt gehoben und auf der anderen Seite von Wandergesellen empfangen. Mindestens drei Jahre und einen Tag lang wird Felix dann nicht mehr nicht zurückkehren dürfen.

In den ersten Monaten begleitet ein sogenannter Losgeh-Geselle Felix. „Der ist solange bei mir, bis ich allein klarkomme“, erklärt Felix. Denn der junge Zimmermann wird viel lernen müssen. Er wird ohne Handy reisen, nur zu Fuß oder per Anhalter unterwegs sein. „Öffentliche Verkehrsmittel sind verpönt“, erklärt Felix. Er wird in einem Bündel, dem sogenannten Charlottenburger, eine Arbeitskluft, einen Schlafsack, Werkzeug und Hygieneartikel mit sich tragen. Mehr nicht. Er wird niemals eine Regenjacke anziehen, wenn es regnet und auch keine Winterjacke, wenn es schneit. Er wird niemals seinen Hut abnehmen, wenn er zu jemandem ins Auto steigt und er muss sich ehrenhaft verhalten, die Wandergesellen nicht in Verruf bringen. Auch wenn er „mal ein bisschen dun ist“, sagt Felix.

Die Kluft der Gesellen

Auf der Walz gibt es eine andere Sprache. Es gibt besondere Sprüche und Begriffe, die vom üblichen Sprachgebrauch abweichen. Ein Beispiel ist die traditionelle Kluft der Wandergesellen.

Das wird getragen: Zur Schlaghose, Weste und Jacke tragen die Wandergesellen ein kragenloses weißes Hemd, das „Staude“ heißt. Dazu kommt die „Ehrbarkeit“, eine Art Schlips, an dessen Farbe man die Zugehörigkeit zu den verschiedenen Schächten erkennen kann. Der Hut wird „Deckel“ genannt und der Wanderstock ist der „Stenz“, den sich jeder Wandergeselle selbst suchen muss.

Fünf Euro als Startguthaben

Auch wird er sich mit Hammer und Nagel ein Ohrloch schlagen lassen. Felix grinst bei dieser Vorstellung. Ein ernsteres Thema: Er wird kein Geld haben: Felix tritt seine Reise mit fünf Euro in der Tasche an, Unterkunft wird er hoffentlich dort finden, wo er Arbeit findet. Um die muss er „zünftig vorsprechen“ und er wird nie länger als drei Monate bleiben. Auch das ist eine Regel.

Die Walz ist für den jungen Zimmermann eine Reise ins Ungewisse, vielleicht eines der letzten echten Abenteuer. Felix hat sich informiert, Kontakte zum Schacht geknüpft, ein dickes Buch über die Walz gelesen. Doch, „eigentlich hab ich keinen Plan, was kommt“, sagt er. „Ich weiß aber, dass es funktioniert.“ Dass er sich überhaupt entschieden hat, dieser uralten Tradition zu folgen, begründet Felix so: „Das Schlimmste was ich mir vorstellen kann, ist bis zum Rentenalter an einem Ort zu arbeiten.“

Er kenne nicht viel von Deutschland, sagt Felix, das wolle er ändern – und zwar auf dem Weg in die Schweiz. Das ist sein erstes Ziel. An Fachwerkhäusern möchte er arbeiten und dann mal sehen, wohin es ihn verschlägt. Kanada hat Felix im Kopf. „Doch es kann auch ganz anders kommen.“

„Sie können nicht verloren gehen“

In all dieser Ungewissheit ist der Schacht eine Art Anker. Regeln und Bräuche, die auf Außenstehende befremdlich wirken mögen, bieten Halt. Bei diesen Regeln ginge es vor allem um Verlässlichkeit, erklärt Ansgar Wenning vom Rolandschacht. In regelmäßigen Abständen müssen die Gesellen während ihrer Wanderung beim Schacht „aufklopfen“, sich dort sehen lassen. „Sie können also nicht verloren gehen“, sagt Wenning. Und nach einer gewissen Zeit, wenn beide Seiten einverstanden sind, können sie richtig in den Schacht aufgenommen und zum Rolandsbruder werden. Sollte das bei Felix so kommen, würde er nicht nur während der Wanderschaft zu der Vereinigung gehören, sondern auch später nach seiner Heimkehr.

Doch heute ist das für Felix noch fern. Schließlich geht es erst los mit dieser „Tippelei“ – wie die Wanderschaft auch genannt wird. Gegen Mittag wird er, der jüngste von drei Söhnen, Abschied nehmen von seiner Mutter, von seinen Freunden, der beschaulichen Siedlung mit Einfamilienhäusern, in der er aufgewachsen ist. „Aufgeregt bin ich schon“, sagt Felix. Doch wahrscheinlich nicht so sehr wie die, die er zurücklässt.

Felix Lambeck (21) aus Neustadt geht am Sonntag, 4. November 2018, für mindestens drei Jahre und einen Tag auf die Walz. Seine Mutter, Ulrike Gollan-Lambeck, ist noch aufgeregter als er. Quelle: Luisa Jacobsen

Wer darf auf die Walz gehen?

Die Gesellenwanderung ist für junge Handwerker gedacht. Sie müssen ihre Gesellenprüfung bestanden haben, schuldenfrei und ledig sein. Die Schächte haben Altersbegrenzungen. Beim Rolandschacht dürfen die Gesellen bis 27 Jahre alt sein, in Ausnahmefällen bis 30 Jahre. Grund für Beschränkung: Die Wanderung soll keine Flucht aus der Verantwortung oder einer bestimmten Lebenssituation sein.

Luisa Jacobsen

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