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Ostholstein Flucht aus Syrien: Eine Familie findet in Ostholstein Frieden
Lokales Ostholstein Flucht aus Syrien: Eine Familie findet in Ostholstein Frieden
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22:25 25.10.2013
Rodwan Bashar, Lava (6) und Sanna Salo — sie alle lernen Deutsch, die Eltern wollen bald arbeiten. Quelle: ser

Angst ist ein mächtiges Gefühl, ein schreckliches Gefühl. Sie bestimmte das Leben der kleinen Familie, und sie trieb sie schließlich sogar in die Flucht.

Mehr als ein Jahr ist das her. Alles haben sie zurückgelassen, ihre Heimat, ihr Hab und Gut. Doch jetzt ist ihre Flucht zu Ende. Rodwan Bashar (38), Sanna Salo (27) sowie ihre zwei Töchter Lava (6) und Juana (3) sind angekommen. Sie haben gefunden, was sie gesucht haben: Sicherheit. Sie leben jetzt in Neustadt.

Ich treffe die Familie in ihrem Wohnzimmer in einer Mietwohnung eines Mehrfamilienhauses. Der Raum ist spartanisch eingerichtet. Zwei Sessel, ein kleines Sofa, ein Tisch, eine Schrankwand. Das Mobiliar hat die Stadt beschafft. Auf der Fensterbank steht ein Strauß Kunstblumen. Lediglich das Familienfoto hinter der Glastür der Schrankwand wirkt persönlich. „Wir haben alles verloren“, sagt Rodwan Bashar. „Mein Auto, meine Wohnung, meinen Traktor.“ Alles wurde zerschlagen, angezündet oder gestohlen. Die vier sind syrische Flüchtlinge. Sie gehören einer religiösen Minderheit der Kurden an — den Jeziden. Sie sind nicht die einzigen Syrer, die in den vergangenen Monaten nach Ostholstein flohen. „Der Stadt sind drei syrische Flüchtlingsfamilien zugewiesen worden“, sagt Neustadts Bürgermeisterin Tordis Batscheider (SPD). Insgesamt sind im Kreis Ostholstein seit dem 1. Januar 17 Syrer, darunter acht Kinder, als Asylbewerber untergekommen.

Sie alle haben eine Geschichte, die der von Rodwan Bashar ähnelt. Der 38-Jährige hat sich vor dem Treffen mit den LN Notizen gemacht. Er möchte genau berichten, nichts weglassen. „Am 21. Juli 2012 sind wir aus Al Assadia, unserem Dorf, in die Türkei geflohen. Am 1. August nach Griechenland. Am 29. November waren wir in Deutschland, haben einen Monat in Neumünster gewohnt.“ Dort ist die Zentrale Erstaufnahmeeinrichtung des Landes. Von hier aus werden Asylbewerber auf Städte und Gemeinden verteilt.

Sanna Salo bietet Kaffee und Kekse an. Besuch ist gekommen. Es ist eine der anderen syrischen Familien, die hier leben. Rodwan Bashar ist mit seinen Gedanken woanders, erzählt, dass im August dieses Jahres Kämpfer der islamistischen Al-Nusra-Front zwei seiner Onkel getötet und alle noch verbliebenen Dorfbewohner vertrieben hätten. Der Familienvater sucht die passende Worte, greift zum Telefon.

Er ruft seine Schwägerin Emine Bishar an. Sie lebt in Dortmund, spricht fließend Deutsch. Rodwan Bashar reicht mir das Telefon. Sie erzählt, warum ihre Verwandten flohen. „Vor ihren Augen wurden Leute umgebracht. Es wurden Köpfe abgetrennt. Das sind Dinge, die Kinder nicht sehen sollen.“

Die Bilder sind auch mehr als ein Jahr später nicht verblasst. Wenigstens können die Mädchen mittlerweile durchschlafen. „Anfangs musste immer Licht brennen“, erinnert sich Emine Bishar. Ihr Schwager sagt, dass sie jetzt keine Angst mehr haben, sich in Neustadt wohlfühlen. „Aber meine Familie fehlt mir.“ Einige sind ebenfalls in Deutschland. Während der eine Bruder in Dortmund lebt, gibt es noch je zwei in Berlin und in Cloppenburg. „Sie sind in Sicherheit, aber ich habe auch Verwandte im Grenzgebiet zur Türkei. Die sind in Gefahr“, sagt Bashar, dessen Asylantrag jetzt genehmigt wurde.

Es geht voran für Familie Bashar. Sie lernen fleißig Deutsch. Rodwan Bashar möchte sich bald eine Arbeit suchen. Er sagt, dass er sich mit der Elektronik von Traktoren auskennt. Seine Frau hat in Syrien studiert.

Zum Abschied bitte ich die Familie um ein Foto. Juana möchte nicht mit drauf. Als ich die Kameratasche mit einer schnellen Bewegung öffne, bekommt sie plötzlich Panik, schreit, weint. Sie versteht nicht, was ich vorhabe. Sie ist erst drei Jahre alt und hat doch schon so viel Schreckliches erlebt. Auf dem Foto fehlt sie.

Dann — kurz bevor ich gehe — wendet sich die Besucherin an mich, sagt: „Bitte schreiben Sie auch über uns. Wir wollen nicht nach Italien. Italien ist nicht gut, da waren Männer, die geschlagen haben, immer gab es Sirenengeheul.“ Ihnen geht es anders als Rodwan Bashar und seiner Familie. Es ist noch nicht sicher, wo sie einen Platz finden. Ihre Flucht ist noch nicht zu Ende.

Aufenthaltsdauer ungewiss

5000 syrische Flüchtlinge möchte die Bundesrepublik 2013 aufnehmen.


Aufenthaltsdauer ungewiss: Bei den Syrern, die in den vergangenen Monaten nach Ostholstein gekommen sind, handelt es sich ausschließlich um Asylbewerber. Diese genießen zunächst für die Dauer des Asylverfahrens ein Aufenthaltsrecht. Bei positivem Ausgang des Verfahrens wird hieraus ein Daueraufenthaltsrecht. Aber auch bei negativem Ausgang des Verfahrens wird der Aufenthalt vorerst nicht beendet, weil für syrische Staatsangehörige aktuell ein bundesweiter Abschiebestopp gilt.

9 Monate keine Arbeit: Personen im Asylverfahren dürfen in den ersten neun Monaten nach ihrer Einreise keiner Erwerbstätigkeit nachgehen, in den folgenden 39 Monaten ist eine Erwerbstätigkeit mit Zustimmung der Ausländerbehörde möglich. Nach rechtskräftigem positiven Abschluss des Asylverfahrens und Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis besteht eine generelle Arbeitserlaubnis.

299 Asylbewerber leben momentan in Ostholstein.

Sebastian Rosenkötter

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