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Flüchtlingsfrauen: Balanceakt zwischen Freiheit und Tradition

Ostholstein Flüchtlingsfrauen: Balanceakt zwischen Freiheit und Tradition

Die Zahl der weiblichen Flüchtlinge steigt. Ihre Integration stellt sowohl Helfer wie auch die Frauen selbst vor besondere Herausforderungen. Traumatherapeut: Alleinreisende Frauen seien auf ihrer Flucht häufig sexuellen Übergriffen bis hin zur Vergewaltigungen ausgesetzt gewesen

Das Kopftuch: Aus Sicht von Oldenburgs Migrationshelferin Diana Thirunavukkarasu wird es von muslimischen Frauen oftmals als ein Zeichen der eigenen Identifikation mit ihrer Religion getragen — und nicht aufgrund von Zwang, den die Familie ausübt.

Quelle: Oliver Berg/dpa

Ostholstein. Der Anteil von Frauen, die alleine oder mit Familie nach Deutschland flüchten, wächst. In Ostholstein lag die Zahl weiblicher Flüchtlinge im ersten Quartal dieses Jahres bei 36 Prozent. Von den insgesamt 697 Flüchtlingen waren 251 Frauen. Ihre Betreuung und Integration stellt Migrationsbeauftragte, Traumatherapeuten und den Kinderschutzbund bisweilen vor besondere Herausforderungen.

LN-Bild

Zahl weiblicher Flüchtlinge steigt — Integration stellt sowohl Helfer wie auch die Frauen vor Probleme — Traumatherapeut: Häufig auch Fälle von Gewalt in den Familien.

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Eberhard Jänsch-Sauerland arbeitet im Auftrag des Kinderschutzbundes mit traumatisierten Flüchtlingen. Insbesondere alleinreisende Frauen seien auf ihrer Flucht häufig sexuellen Übergriffen bis hin zur Vergewaltigungen ausgesetzt gewesen, berichtet der Traumatherapeut. Aufgesucht werde er auch von Frauen, die Gewalt in ihrer Ehe erleben. Jänsch-Sauerland: „Für diese Frauen ist es sehr viel schwieriger, sich Hilfe zu holen. Oftmals schieben sie Erziehungsprobleme vor und lassen dann erst im Beratungsgespräch durchblicken, was der eigentliche Grund ihres Besuches ist.“ Er berichtet von Frauen mit akademischem Hintergrund, die zwangsverheiratet würden und dann unter dem interlektuellen Gefälle in ihrer Ehe litten. Er kennt aber auch Flüchtlingsfrauen, die „unglaublich emanzipiert“

seien und in ihren Familien durchaus ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben führten.

Die Kluft zwischen der Selbstbestimmung der Frau hierzulande und der traditionell untergeordneten Rolle der Frau in Flüchtlingsländern sieht Diana Thirunavukkarasu als die größte Herausforderung bei den Integrationsbemühungen. Die Migrationshelferin, seit Mitte April bei der Stadt Oldenburg beschäftigt, erzählt von einem Fall, in dem die Verschwendungssucht eines Mannes die Existenz von dessen Frau und Kind bedroht. Thirunavukkarasu: „Die Frau hat jetzt einen Antrag auf ein eigenes Konto gestellt. Aufgrund der Stellung der Frau in der Familie sind in einem solchen Fall Schwierigkeiten vorprogrammiert.“

Von den Frauen, denen sie beratend zur Seite steht, hat sie bisher keine Klagen gehört. Im Gegenteil: „Wir haben hier einige Frauen, die ohne männliche Begleitung geflüchtet sind. Von den Männern in ihrer Unterkunft haben sie bisher viel Unterstützung bekommen“, schildert die junge Migrationshelferin. Ohnehin sieht sie Vorkommnisse, wie zum Beispiel sexuelle Übergriffe, eher als ein Problem an, das vorwiegend in größeren Gemeinschaftsunterkünften vorkomme.

Voraussetzung für eine gelungene Integration beider Geschlechter sei indes das Erlernen der Sprache. Männer hätten jedoch mit ihren Kontakten in die Arbeitswelt einen leichteren Zugang zum Spracherwerb. Thirunavukkarasu schwebt deshalb die Einrichtung eines Kochkurses vor, in dem sich deutsche Frauen und Flüchtlingsfrauen begegnen können. „Hier könnten regionale Gerichte, aber auch Gerichte aus den Ursprungsländern der Flüchtlinge gekocht werden. Sie verweist zudem auf Sprachkurse am Gymnasium, wo auch eine Kinderbetreuung gewährleistet sei. Dies stelle nicht selten ein Hindernis beim Besuch von Sprachkursen für Frauen dar.

Mit der Freiheit hierzulande, müssten Frauen aus anderen Kulturkreisen erst einmal zurechtkommen. Thirunavukkarasu: „Es gibt auch Frauen, die sich in der untergeordneten Rolle wohl fühlen. Auch deshalb, weil sie es nie anders kennengelernt haben.“

Aufräumen will sie mit Vorurteilen: „Die wenigsten muslimischen Frauen tragen Kopftücher, weil Druck aus ihren Familien auf sie ausgeübt wird. Die meisten tragen es vielmehr als Ausdruck ihrer eigenen Identifikation mit ihrer Religion.“ Von der hiesigen Bevölkerung wünscht sich Thirunavukkarasu ein vorurteilsfreies Aufeinanderzugehen: „Die Menschen merken, ob eine Freundlichkeit ernst gemeint, oder nur aufgesetzt ist.“

Von Thomas Klatt

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