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Ostholstein Früher Tod der unbekannten Schwester
Lokales Ostholstein Früher Tod der unbekannten Schwester
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18:14 25.05.2016
Dr. Harald Klückmann, Heimatforscher aus Reinfeld, hat Dorotheas Schicksal erforscht. Quelle: Fotos: Krog, S. Wuttke

„Der Allmächtige nimmt Dorothea Christina aus der Zeit, und so stirbt sie im blühenden Alter von 22 Jahren.“ Die familiäre Tragödie, die sich hinter diesen schlichten, etwas altertümlichen Worten verbirgt, ist eine, die mit einem großen Namen verbunden ist. Dorothea Christina, geboren am 2. Januar 1744 in Reinfeld (Kreis Stormarn), ist die Tochter des Reinfelder Pastors Matthias Claudius aus seiner zweiten Ehe mit der Flensburger Ratsherrn- Tochter Maria Lorck und die Ehefrau des Gleschendorfer Pastors Christian August Müller. Vor allem aber, und das macht sie interessant, ist sie die Schwester von Matthias Claudius, dem Dichter des berühmten Abendliedes „Der Mond ist aufgegangen“. Auf den Tag genau heute vor 250 Jahren, im Jahr 1766, starb Dorothea Christina nach der Geburt ihres vierten Kindes.

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Vor 250 Jahren starb Dorothea Christina Müller, geborene Claudius, nach der Geburt ihres vierten Kindes.

So ganz steht das Sterbedatum allerdings nicht fest, hat Dr. Harald Klückmann, pensionierter Richter am Landessozialgericht in Hamburg und engagierter und erfahrener Heimatforscher aus Reinfeld, erforscht. Er schreibt: „Pastor Müller hingegen nennt im Kirchenbuch als ,Dies mortis’ den ,27 May’ und fährt fort: , . . . ward meine geliebte Ehegattin Dorothea Christina geb. Claudius aus Reinfeld, welche nach einer glücklichen Entbindung von einem gesunden Sohn, und darauf fast 7 Wochen ausgestandenen schweren und schmerzhaften Kranckheit unter Gebet und Flehen an ihren Erlöser entschlafen war, in einem Alter von 22 Jahren und 5 Monaten begraben. Sie hinterläßt mir 4 kleine Kinder . . .’.“

Dorothea Christina ist über die Jahrhunderte eine Unbekannte geblieben, stand im Schatten ihres berühmten Bruders. Es gibt nicht einmal ein Bildnis von ihr. Klückmann ist es zu verdanken, dass Dorothea Christina nicht völlig dem Vergessen anheim fällt. Klückmann hat viele Claudius-Biografien gewälzt und ist zu dem Ergebnis gekommen, „dass Christina Dorothea kaum über den Status einer Fußnote hinaus kommt“.

Ihr Schicksal ist eng mit Gleschendorf und auch mit Gnissau verbunden. Ihr Ehemann Christian August Müller ist „des Herrn Assessoris und Pastoris zu Gleschendorf wohlgerahtner Sohn“. Dieser Herr Pastoris, Joachim Ernst Müller, stammte aus Gnissau und war 20 Jahre Pastor in Gleschendorf. Dessen Vater Cajus Müller wiederum war von 1667 bis zu seinem Tode 1689 Pastor in Gnissau.

„Die Ehe von Christian August und Dorothea Christina Müller war mit Kindern schnell gesegnet. Im Juli 1763 kam Tochter Maria Dorothea zur Welt“, schreibt Klückmann in seiner Abhandlung über die unbekannte Claudius-Schwester. Weiter vermerkt Klückmann: „Im September 1764 kam Dorothea Christina mit ,Zwillingssöhnen’ nieder, die bei der Taufe die Namen Joachim Ernst und Matthias erhielten.“

Nach der Geburt des vierten Kindes im April 1766 liegt dessen Mutter „schwerkrank und entkräftet darnieder“. Sie sollte sich nie mehr davon erholen. Nahezu sämtliche Quellen nennen als ihren Sterbetag den 26. Mai.

Pastor Müller heiratete nicht wieder. Seine beiden Schwestern zogen seine vier jetzt mutterlosen Kinder auf. Klückmann hat das weitere Schicksal der Familie erforscht. Er schreibt und zitiert dabei alte Eintragungen: „Als Pastor Müller am 23. Juli 1796 in Gleschendorf das Zeitliche segnet, ,alt 68 Jahr 9 Monat’, wird er 6 Tage später ,des Nachmittags mit einem kleinen Gefolge auf dem Kirchhof begraben’. Im Kirchenbuch steht: ,Hinterlässt von seiner verstorbenen Frau drey Söhne: 1) Joachim Ernst, 2) Matthias zu Boston in America, 3) Christian August, Prediger zu Eddelak.’ Die Tochter Maria Dorothea bleibt unerwähnt. Im ,Alphabetischen Todtenregister’ von Gleschendorf (1740-1812) ist sie nicht aufgeführt. Trotz aller Forschungen hat Klückmann nichts über ihr Schicksal herausfinden können.

Das Gleschendorfer Kirchenschiff ist nicht mehr das des 18. Jahrhunderts, es wurde 1863/64 neu errichtet. Das Pastorat der Pastoren Ernst und Müller steht nicht mehr, wurde 1812 durch einen Bau ersetzt, der 1963 durch das Neue Pastorat abgelöst wurde. Nur der Feldsteinturm aus dem Jahr 1259 ist noch der, unter dem Christian August Müller heute vor 250 Jahren seine so jung gestorbene Ehefrau beweinte.

„Du liebtest sie“

Matthias Claudius veröffentlichte erstmals 1771 ein Gedicht, das vermutlich an seinen frisch verwitweten Schwager in Gleschendorf gerichtet war:

„Der Säemann säet den Samen.

Die Erd empfängt ihn, und über ein

kleines

Keimet die Blume herauf.

Du liebtest sie. Was auch dies Leben

Sonst für Gewinn hat, war klein Dir

geachtet.

Und sie entschlummerte Dir!

Was weinest Du neben dem Grabe

Und hebst die Hände zur Wolke des

Todes

Und der Verwesung empor?

Wie Gras auf dem Felde sind Menschan

Dahin, wie Blätter! Nur wenige Tage

Gehn wir verkleidet einher!

Der Adler besuchet die Erde,

Doch säumt nicht, schüttelt vom Flügel den Staub, und

Kehret zur Sonne zurück!“

Susanne Peyronnet

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