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Ostholstein Führerschein verloren? Der alkoholfreie Weg zurück
Lokales Ostholstein Führerschein verloren? Der alkoholfreie Weg zurück
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09:27 16.09.2017
Geht gar nicht: Alkohol am Steuer führt immer zu Problemen. Ist der Führerschein weg, ist es schwierig, ihn zurückzubekommen. Quelle: Foto: Archiv
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Heiligenhafen

„Ein Bierchen oder Schnäpschen gibt es nicht. Es heißt Bier und Schnaps“, sagt Volker B. bestimmt. Mit solchen Verniedlichungen würde das Dilemma im Alltag schon losgehen. Er, Johanna R., Hans-Jürgen F. und Gunter G. wissen aus eigener Erfahrung, wovon sie sprechen. Auch sie haben in der Vergangenheit den Führerschein aufgrund von Alkoholeinfluss verloren. Mittlerweile haben sie 80 Menschen aus der Region geholfen, die MPU erfolgreich zu bestehen und den Führerschein wiederzubekommen. „Der Kern unserer Arbeit ist es aber, mit den Leuten zu sprechen, sie zu öffnen“, beschreibt Volker, was montags ab 18.45 Uhr in der Heiligenhafener Kirchhofstraße 2-6 los ist. Dabei pflegen sie die Duz-Kultur, das schaffe Nähe. Außerdem, betont Hans-Jürgen, bliebe alles Gesagte im Raum.

 

Sie geben ihre Erfahrungen und ihr Wissen weiter – die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Blauen Kreuzes in Heiligenhafen. Quelle: Foto: Peter Mantik

„Man ist von anderen Menschen komplett abhängig

und fühlt sich wie ein Verbrecher.Volker B.

Blaues Kreuz

MPU

Medizinisch-Psychologische Untersuchung und im Einzelfall sogar eine praktische Prüfung kommen bei der MPU zusammen. Das Gutachten dient aber der Führerscheinstelle nur als Empfehlung für die Rückgabe der Fahrerlaubnis.

Wichtig ist auch ein Führungszeugnis ohne weitere Fehltritte.

Entscheidend für den Erfolg sei der Moment, in dem der Vorhang falle und Klartext geredet werde.

Darüber hinaus herrsche in der Gesellschaft kaum Kenntnis über den langen Weg zur Zurückerlangung des Führerscheins. Gunter G. weiß: „Das ist ein steiniger Weg.“ Ab 1,6 Promille Alkohol im Blut ist der Führerschein weg. Zunächst muss eine einjährige Abstinenz nachgewiesen werden (auch bei neun Monaten Fahrverbot). Dies kann über vier Haarproben à 200 Euro oder sechs Urinproben à 100 Euro erfolgen. Bei den Urinproben ist eine Aufsichtsperson anwesend. Weiter muss der Hausarzt der Schweigepflicht enthoben werden, um sich zum Kandidaten äußern zu dürfen. Der Betroffene muss bei den Behörden vorab die Rückgabe der Fahrerlaubnis beantragen, wird hier aber im Vorwege um ein Führungszeugnis gebeten (gibt es beim Ordnungsamt). Gunter G. sagt: „Das Führungszeugnis muss sauber sein, da darf nichts mehr zusätzlich anfallen.“ Auch notwendig: ein Erste-Hilfe-Kursus und Sehtest. Drei Monate vor Ablauf sollte die MPU (circa 300 bis 700 Euro) beim Tüv oder Partnern beantragt werden.

Diese kann um eine Fahrprüfung (500 bis 1000 Euro) erweitert werden. Fällt das Gutachten als Empfehlung positiv aus, hat das letzte Wort die Führerscheinstelle. Doch es sind Fallen eingebaut. Eine mögliche Frage beim psychologischen Gespräch könne lauten: „Warum sind Sie hier?“ Falsche Antwort: „Ich möchte den Führerschein zurück.“ Richtige Antwort: „Ich habe mein Alkoholproblem erfolgreich gelöst.“ Johanna R. weiß: „Man muss kleinlaut sein.“ Sie war es nicht – und muss nun ein zweites Mal den Prozess durchlaufen. Ein langer Weg mit einer Menge Wut im Bauch. „Man fühlt sich oft wie ein Verbrecher“, sagt sie.

Sie kann dabei auf die Hilfe in ihrer Gruppe bauen. Auch auf die von Roland M., einem Suchttherapeuten, der die Gruppe unterstützt. Auch er hat eine Vergangenheit, die der der anderen gleicht. Sie alle eint: Wir wollen helfen. Denn der Bedarf sei vorhanden. Hans-Jürgen F. glaubt: „Die uns bekannten Fälle sind nur die Spitze des Eisberges.“ Die Dunkelziffer sei weit höher. Dabei gelte die Regel: Bevor jemand seinen Führerschein verliert, ist er vorab 3000 Mal alkoholisiert oder unter Drogeneinfluss Auto gefahren . . .

Die Gruppe des Blauen Kreuzes ist erreichbar über ☎ 043 71/8888638. Das Einzugsgebiet reicht von Heiligenhafen bis Fehmarn, Neustadt und Preetz.

 Peter Mantik

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