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Ostholstein Funk-Amateure — die Bewahrer eines Weltkulturerbes
Lokales Ostholstein Funk-Amateure — die Bewahrer eines Weltkulturerbes
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09:13 04.01.2015
„Als das erste Mal jemand antwortete, hab‘ ich vor Schreck einfach aufgehört zu funken“, sagt Otto Kiel (89), ältestes Mitglied im Ortsverband, der hier mit dem jüngsten Eutiner Funk-Amateur, Timo Fischer (19), morst.
Eutin

„Tango, Charlie“ ist mit verzerrter Micky-Maus-Stimme aus dem Lautsprecher zu vernehmen. Was klingt wie eine Aufforderung zum Tanz in einem Walt-Disney-Film, bringt gestandene Semester zum Lächeln. Denn „Tango“ und „Charlie“ stehen nach internationalem Buchstabieralphabet schlicht für T und C — und im konkreten Fall für den Beginn eines Rufzeichens. „TC, das müsste die Türkei sein“, ist sich Bernd Federow sicher. Der 71-Jährige ist Funk-Amateur. „Das Rufzeichen ist so was wie die Telefonnummer jedes Funk-Amateurs“, erklärt er. Und mit einem solchen aus der Türkei haben er und seine Mitstreiter des DARC-Ortsverbandes Eutin offenbar Kontakt aufgenommen.

DARC steht für Deutscher Amateur-Radio-Club e. V. „38 000 Mitglieder hat dieser derzeit, knapp 1050 sind es in Schleswig-Holstein“, weiß Wulf-Gerd Traving (51), Vorsitzender des Ortsverbands. In dem sind allerdings gerade mal 27 Funker aktiv. Besonders junge Mitglieder fehlen, das Durchschnittsalter liegt um die 60 Jahre.

„Die weltweite Kommunikation ist heute fast für jeden zugänglich“, benennt Traving einen der wichtigsten Gründe für den Mitgliederschwund. „Verbindungen mit und in der ganzen Welt aufzunehmen, war früher Alleinstellungsmerkmal der Funk-Amateure.“ Heute ist das quasi für jedermann immer, überall und kostengünstig — per Telefon, E-Mail, Facebook, Skype, WhatsApp — möglich. „Viele meiner Freunde können mein Hobby nicht nachvollziehen, sie sehen keinen Sinn dahinter“, sagt denn auch Timo Fischer. Der 19-Jährige ist das derzeit jüngste Mitglied bei den Eutiner Funkern. Angesichts des Internets hielten Altersgenossen seine Freizeitbeschäftigung oft für überholt. „Das ist schade“, so Fischer. Denn das Hobby biete wesentlich mehr. Für seine Prüfung zum Funk-Amateur — sie ist Voraussetzung, um ein eigenes Rufzeichen zu erhalten — büffelte der Abiturient Gesetze, eignete sich entsprechendes technisches und physikalisches Wissen an.

„Funk-Amateure nutzen das gesamte elektromagnetische Spektrum“, erklärt Traving. Per Kurzwelle hat Otto Kiel, Urgestein im Ortsverband, Kontakt zu Wolfgang aus Königswinter aufgenommen. Acht Grad seien es dort gerade vor Ort, übersetzt Kiel. Der 89-Jährige funkt nicht einfach nur, er morst auch noch. Lang, kurz, lang: Man muss schon genau zuhören, um einen Unterschied in den übertragenen Tönen zu hören. „Das Morsen wurde jüngst zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt“, zeigt sich Traving stolz. Mit ihrem Hobby gingen er und seine Mitstreiter nicht nur persönlicher Leidenschaft nach, sie bewahrten auch alte Techniken. Manfred Krause (39) etwa nennt ein ausrangiertes tragbares „manpack SE 6861“, das früher bei der Bundeswehr zum Einsatz kam, sein Eigen. Zwei Stunden pro Woche widme er sich überwiegend mit diesem dem Sprechfunk.

Timo Fischer greift meist auf ein UKW-Handfunkgerät zurück. Bernd Federow hat sich unter anderem der Bildübertragung verschrieben und vor Jahren einen eigenen Fernsehsender gebaut. Traving hat Funkgeräte modifiziert und Betriebsprogramme für selbige geschrieben. Auch das Experimentieren gehöre zur Faszination dieses Hobbys, meint der Vorsitzende. „Einen Großteil davon macht aber sicher das selbst ausgesandte Signal aus“, so Traving. Und das Empfangene — sei es aus der Türkei, Königswinter oder aus Malente von Federows Frau.

• Weitere Infos:

 www.ov-eutin.de

„Das ist ein sehr viel- fältiges Hobby, in dem jeder seine Spielart finden kann.“
Wulf-Gerd Traving, Vorsitzender OV Eutin

Britta Kessing

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