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Ostholstein Gerichtsgutachter erklärt die Folgen von Gewalt
Lokales Ostholstein Gerichtsgutachter erklärt die Folgen von Gewalt
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20:49 06.04.2017
Dr. Wolf-Rüdiger Jonas. Quelle: Foto: Pm

Was machen Gewalttaten mit unserer Gesellschaft? Diese Frage stellt sich nach dem Freispruch im Messerstecher-Prozess (LN berichteten).

Dem Angeklagten wurde durch die Staatsanwaltschaft zur Last gelegt, bei den Hafenfesttagen in Heiligenhafen drei Asylbewerber mit einem Messer lebensbedrohlich verletzt zu haben. Er musste aber aufgrund fehlender Beweise von Richterin Helga von Lukowicz freigesprochen werden.

Nach dem Prozess in den Alltag überzugehen, dürfte nicht allen Beteiligten leicht fallen. Denn sowohl der noch unbekannte Täter als auch die drei Geschädigten leben auf engstem Raum im Norden Ostholsteins. Dr. Wolf-Rüdiger Jonas, Ärztlicher Direktor der Ameos-Klinik in Heiligenhafen, ist seit 40 Jahren Gerichtsgutachter. In den LN erläutert er die Komplexität der möglichen Folgen einer solchen Tat.

Bürger, die nichts mit einer Gewalttat zu tun haben, aber davon gehört haben und wissen, dass der Täter auf freiem Fuß ist, seien nach Auffassung von Dr. Jonas zwar im ersten Moment empört oder aufgeregt. Doch der Mensch habe Schutzmechanismen, sodass erste Reaktionen wieder abebben würden. Ganz anders sei die Ausgangslage für die Geschädigten. Im besagten Fall sind dies die drei jungen Männer, deren Leben mit Notoperationen gerettet werden konnten. „In solchen Fällen kann es zu posttraumatischen Belastungsstörungen kommen“, erläutert Dr. Jonas. Es könne beispielsweise ausreichen, wenn einer der Geschädigten im Alltag auf eine Person stieße, die dem wirklichen Täter nur ähnlich sehe. Anspannung, Angst und innere Erregung seien denkbare Reaktionen.

Der Weiße Ring ist eine Anlaufstelle für die Opfer. Die Inanspruchnahme professioneller Hilfe könne nach Meinung von Dr. Jonas auch für Täter ein sinnvoller Schritt sein. „Wer einmal bei einer Gewalttat eine solche Hürde übersprungen hat, der wird sich fortan leichter tun, sie wieder zu überspringen“, sagt Dr. Jonas. Er würde für Menschen mit einer solchen Vergangenheit ein Anti-Gewalttraining empfehlen, damit sie nicht ein zweites Mal in einem Konflikt die gleiche Hürde überspringen.

Dr. Jonas hat in seiner Laufbahn viele Gewalttäter kennengelernt. Daher sei er auch skeptisch, ob ein Täter diese Hilfe in Anspruch nehme. Denn seine Erfahrung besagt, dass sich ein Täter nicht zwangsläufig auch selbst als gewalttätig erlebe. Im speziellen Fall kommt eine weitere Gruppe hinzu, der die Tat anhaften könnte – der Freundeskreis des mutmaßlich tatsächlichen Täters. Einige waren als Zeugen geladen. Doch keiner konnte oder wollte sagen, wer in dieser Nacht vor der Autokrafthalle die beinahe tödlichen Stiche ausgeführt hat. Dr. Jonas habe in 40 Jahren als Gerichtsgutachter oft erlebt, wie schwierig es mitunter für die Richter sein kann, aus Zeugen die Wahrheit herauszukitzeln.

Die grundsätzliche Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft fuße auf einem Mangel an Respekt und pfleglichem Miteinander sowie fehlenden Konfliktlösungsstrategien. Dem vorgeschaltet ist die elterliche Erziehung. Dr. Jonas sagt: „Es muss für Heranwachsende klare Regeln geben. Eine muss lauten: Gewalt ist keine Lösung.“

 pm

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