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Ostholstein Hafenstraße: Staatsanwalt blickt zurück
Lokales Ostholstein Hafenstraße: Staatsanwalt blickt zurück
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21:19 10.05.2017
Bei jeder Gedenkfeier für die Hafenstraßen-Opfer wird der Ruf nach neuen Ermittlungen laut. Quelle: Foto: Markus Scholz/dpa
Malente/Lübeck

21 Jahre sind seit dem verheerenden Brand an der Lübecker Hafenstraße vergangen. Doch beinahe an jedem Jahrestag und bei jedem Gedenken an die zehn bei dem Brand getöteten Asylbewerber kommt die Forderung nach neuen Ermittlungen gegen „die vier Grevesmühlener“ oder nach einem Untersuchungsausschuss auf. „Schluss damit“ zürnt nun einer, der den Fall Hafenstraße gut kennt. Heinrich Wille (71), ehemaliger Leitender Oberstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft Lübeck, hat ein Buch über die Brandkatastrophe geschrieben, das jetzt im Malenter Verlag „Vitolibro“ von Vito von Eichborn erscheint. Es trägt den Untertitel „Ein Lehrstück von Medien, Vorurteilen und Lügen“.

Alles über den Brand in der Hafenstraße erfahren Sie auf unserer Themenseite

Es ist eine späte, eine sehr späte Rechtfertigung der Staatsanwaltschaft im Fall Hafenstraße. „Wir haben uns damals zurückgehalten und waren dann nicht mehr zuständig“, erklärt Wille, warum die Staatsanwaltschaft 1996 nicht offensiver gegen Anfeindungen vorging. In den Monaten und Jahren nach dem Feuer musste sich die Lübecker Staatsanwaltschaft wieder und wieder vorwerfen lassen, auf dem rechten Auge blind zu sein und rassistische Ermittlungen zu betreiben. Hatte sie doch den Hausbewohner Safwan E. (damals 20) als mutmaßlichen Täter ausgemacht und vier junge Männer aus Grevesmühlen, die am Brandort gewesen waren, mangels Beweisen links liegen gelassen.

„Es gab immer eine Zeit, in der es verlockend gewesen wäre, zurückzuschlagen“, sagt Wille. Jetzt hat er zurückgeschlagen. In dem Buch bekommen fast alle ihr Fett weg: Medien, Richter, Strafverteidiger, Nebenklagevertreter. Willes Hauptvorwurf lautet, dass aus einer ganz normalen, wenn auch grauenhaften Straftat ein politischer Prozess gemacht worden und diesem Ziel alles andere untergeordnet worden sei. Die Ermittlungen hätten jedoch zweifelsfrei ergeben, dass das Feuer im ersten Stock des Hauses ausgebrochen sei, folglich nur Hausbewohner als Täter in Frage kämen.

Doch das wollten und wollen auch heute viele nicht wahrhaben. Und so sieht Wille eine unheilige Allianz zwischen der Hamburger Rechtsanwältin und Verteidigerin von Safwan E., Gabriele Heinecke, und dem ARD-Fernsehmagazin „Monitor“, das am 7. März 1996 einen noch heute im Internet abrufbaren Beitrag sendete, der die Version der Staatsanwaltschaft ins Wanken bringen sollte. Überhaupt „Monitor“:

Der Beitrag vom 7. März und insbesondere einer seiner Autoren, der heutige „Monitor“-Chef Georg Restle, sind Wille ein besonderer Dorn im Auge. Habe doch Restle Beiträge von damals ins Netz gestellt, die Wille als „Jugendsünden“ bezeichnet und die lange vor der juristischen Aufarbeitung des Falls samt der geänderten Aussage eines von „Monitor“ befragten Brandsachverständigen gedreht worden waren. Wille im Buch: „Ich finde keine Antwort auf die Frage, warum Monitor seine Fehlleistungen 1996 vor Prozessbeginn immer noch im Internet zelebriert.“

Kein gutes Haar lässt Wille auch an Verteidigerin Heinecke, die Opfer dreist für politische Zwecke missbraucht habe, und am Vorsitzenden Richter des ersten Prozesses gegen Safwan E. am Lübecker Landgericht, Rolf Wilcken. „Das grundlegende Problem lag darin, dass der Vorsitzende nicht die ihm gesetzlich zugeschriebene Rolle der Verhandlungsleitung ausfüllte“, kritisiert Wille und schreibt von „der Schwäche des Vorsitzenden“.

Der Leser erfährt in dem Buch viele Details über den Hafenstraßenbrand, die Ermittlungen und die beiden Strafprozesse gegen Safwan E.. Es sind die spannenden Passagen des Buches, die der Autor mithilfe der umfangreichen Unterlagen im Landesarchiv in Schleswig zusammengetragen hat. Sie wechseln sich ab mit Passagen, in denen Wille darlegt, wann er wie von welchem Interviewer oder Fernsehsender falsch zitiert oder hinters Licht geführt wurde und was er stattdessen gesagt habe. Das ist für den Leser nicht nur ermüdend, sondern mitunter auch schwer nachzuvollziehen. An diesen Stellen gefällt sich Wille in der Rolle des Medienopfers. Nachvollziehbarer erscheint dagegen Willes Widerwille gegen einen Satz des ehemaligen Lübecker Bürgermeisters Michael Bouteiller. In einem LN-Interview hatte der 2011 gesagt, angesichts der Erkenntnisse über den NSU wäre es „durchaus opportun, sich den Fall noch einmal anzusehen“. Dazu gebe es in Sachen Hafenstraße keinen Anlass, so der ehemalige Leitende Oberstaatsanwalt. Oder wie er schreibt: „Der Anschein eines rechtsextremistischen Brandanschlages hat sich schnell verflüchtigt.“

Das Buch „Der Lübecker ,Brandanschlag’ – Nie aufgeklärt: Der Tod von zehn Asylbewerbern – Ein Lehrstück von Medien, Vorurteilen und Lügen“, Vitolibro-Verlag Malente, 160 Seiten, 12,95 Euro, ISBN 978-3-86940-024-2

 Susanne Peyronnet

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