Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Ostholstein Helfer für die Integration von Flüchtlingen dringend gesucht
Lokales Ostholstein Helfer für die Integration von Flüchtlingen dringend gesucht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:26 06.10.2017
Jochen und Regina Kühl unterstützen das Ehepaar Mohammad und Aslamzada R. aus Afghanistan, das mit seinem Sohn Mohammad Ansar in Ahrensbök lebt, bei zahlreichen Erledigungen im Alltag – vom Arztbesuch bis zum Lesen von Behördenbriefen. Quelle: S. Latzel
Anzeige
Ahrensbök/Ostholstein

„U1 bis U9“ heißen die Früherkennungsuntersuchungen für Kinder, die meisten finden bis zum zweiten Geburtstag statt. Eine gute Sache, natürlich – wenn man verstanden hat, um was es geht, was für Aslamzada R. keine Selbstverständlichkeit war. Die 22-jährige Mutter des ein Jahr alten Mohammad Ansar stammt aus Afghanistan, lebt seit 13 Monaten mit ihrem Mann Mohammad R. in Ahrensbök und hat dort Menschen kennengelernt, die der Familie helfen, sich im Alltag zurechtzufinden. Diese Helfer aber sind weniger geworden. Jochen Kühl, der Gründer des Ahrensböker Helferkreises, sucht dringend weitere Mitstreiter. „Wir waren mal 35, jetzt sind wir 20, für 180 Flüchtlinge in Ahrensbök“, sagt er: „Die doppelte Menge an Helfern wäre schön.“

Die Phase der „Erstversorgung“ mit Essen, Kleidung und einer Unterkunft sei vorbei, erklärt Volker Holtermann, Flüchtlingsbeauftragter des Kirchenkreises Ostholstein, „jetzt wird die Problemlage differenzierter.“ Im Alltag stünden die Flüchtlinge vor enormen Herausforderungen. „Zum normalen Wohnungsmarkt haben sie so gut wie keinen Zugang, und auch die Arbeitsaufnahme ist schwierig.“ Viele Menschen müssten Traumata verarbeiten, ausreichend psychologische Hilfe fehle aber. Am Verwaltungsgericht Schleswig liefen zahlreiche Klagen auf Familiennachzug, außerdem sei da noch die grundsätzliche Aufgabe, die deutsche Sprache zu lernen.

Damit ist der 27-jährige Mohammad R. schon gut vorangekommen. Wie viele Ostholsteiner auch hat er allerdings mit den schlechten Busverbindungen zu kämpfen. „Für eine Stunde Unterricht in Eutin bin ich vier bis fünf Stunden unterwegs“, berichtet er. Sein Fahrrad sei ihm gestohlen worden, Ersatz schwer zu beschaffen. „Der Markt für Gebrauchtfahrräder ist leer gefegt“, meint Jochen Kühl, aber seine Frau Regina kümmert sich, telefoniert schon herum.

Sie begleitet auch die schwangere Aslamzada R. zu Arztbesuchen, setzt sich mit Schreiben von Behörden auseinander. „Es geht auch darum, Halt zu bieten“, findet Regina Kühl. Die Familie R. hat eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre, im November soll das zweite Kind zur Welt kommen – in Eutin, wie sein Bruder Mohammad Ansar. Damit wäre ein hierzulande klassisches Familienmodell perfekt – doch bis zur tatsächlichen Integration ist es noch ein langer Weg.

Der Ahrensböker Helferkreis trifft sich an jedem ersten Montag im Monat von 18 bis 20 Uhr im „Café Welcome“ (Gemeindehaus, Wallrothstraße 7). Jochen Kühl ist unter Telefon 04525/1687 oder per E-Mail an jrkuehl@gmx.de zu erreichen.

Zahl der Ankünfte geht deutlich zurück

Mehr als 3000 Flüchtlinge und Menschen, deren Asylverfahren laufen, leben derzeit im Kreis Ostholstein. Dabei ist die Zahl der Ankünfte deutlich zurückgegangen: Nach Angaben der Kreisverwaltung kamen 2015 insgesamt 2256 Geflüchtete nach Ostholstein. 2016 waren es 913 Menschen, und in diesem Jahr bis einschließlich September noch 81 (im Juni fünf, im Juli elf, im August und September jeweils acht). Eine Prognose des Landes sagte für 2017 im Kreis Ostholstein 840 Asylbewerber voraus. „Diese Zahl wird aber bei weitem nicht erreicht werden“, heißt es von der Kreisverwaltung. Im Oktober sei allerdings „aufgrund der bisherigen Ankündigungen des Landesamtes für Ausländerangelegenheiten mit einem Anstieg der Zuweisungszahlen zu rechnen“, weitergehende Prognosen gebe es aber nicht.

Die meisten Asylsuchenden im Kreis kamen in den vergangenen zwei Jahren aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, dem Iran und Armenien. Weitere Menschen kamen aus folgenden Ländern: Albanien, Algerien, Aserbaidschan, Bahrain, Eritrea, Iran, Jemen, Kosovo, Libanon, Marokko, Pakistan, Russische Föderation, Serbien, Somalia, Türkei und Ukraine. „Personen aus den sicheren Herkunftsländern Albanien, Kosovo und Serbien werden seit Dezember 2015 nicht mehr auf die Kreise verteilt“, teilt die Kreisverwaltung ergänzend mit.

Seit September 2015 seien dem Kreis 319 Familien mit Kindern zugewiesen worden, heißt es weiter. Derzeit leben zudem 71 unbegleitete minderjährige Ausländer in Ostholstein sowie 24 minderjährige Ausländer, die zwar in Begleitung eines Familienangehörigen, aber nicht eines Sorgeberechtigten seien. Anerkannte Gemeinschaftsunterkünfte gibt es nicht mehr, „alle Asylsuchenden werden von den Kommunen untergebracht“. Dies geschehe teilweise in kleineren Wohnungen und Häusern, teilweise in größeren Unterkünften, „die den Charakter gemeinschaftlicher Unterbringung haben“. In den ersten neun Monaten 2017 seien 61 abgelehnte Asylbewerber in ihre Heimatländer abgeschoben worden.

 Sabine Latzel

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige