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Ostholstein Heute vor 200 Jahren in Neustadt: Erinnerung an ein Inferno
Lokales Ostholstein Heute vor 200 Jahren in Neustadt: Erinnerung an ein Inferno
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22:13 27.09.2017
Zeichnermeister Georg Friedrich Auerbach fertigte dieses Bild des Stadtbrand von 1817 an. Quelle: Fotos: Heimatbuch Neustadt (6), Sebastian Rosenkötter
Neustadt

Innerhalb von vier Stunden brannten 138 Häuser, 51 Scheunen und 38 Ställe ab. 213 Familien verloren ihren Besitz. Diese Zahlen hat Heimatforscher Johannes Hugo Koch zusammengetragen und in seinen Büchern veröffentlicht. Zudem verweist er auf Augenzeugenberichte, die bis heute im Stadtarchiv aufbewahrt werden.

Ein Großteil der Häuser zerstört, die Ernte vernichtet, Teile der Neustädter Innenstadt in Schutt und Asche. Heute vor 200 Jahren, am 28. September 1817, tobte in Neustadt ein verheerender Stadtbrand. Er dauerte nur vier Stunden – aber es war eine Katastrophe enormen Ausmaßes.

Dort ist zu lesen: „Am 28. Sept. Nachts 12 Uhr brach in der Fischerstraße in der mit Korn angefüllten Scheune eines Landmanns, Namens Pemöller, Feuer aus, welches bei einem heftigen Westwinde bald die daranstoßende Brückstraße ergriff und von dieser nach dem Marckte und so weiter sich ausbreitete.“ Vier Stunden tobte das Feuer, vier Wochen später wurden immer noch Brandnester gelöscht.

Wieso gelang es der Feuerwehr nicht, ein Ausbreiten der Flammen zu verhindern? Eine Antwort ist, dass die Brandschützer damals ganz anders als heute organisiert waren. „Zwar gab es bereits seit dem Jahre 1731 eine ,Feuerverordnung für die Stadt Neustadt in Holstein’ mit strengen Vorschriften zur Vorsorge und Abwehr von Feuerschäden. Auch eine Zwangsfeuerwehr wurde geschaffen, die jedoch aufgrund mangelnder Zuverlässigkeit und Ausrüstung nur wenig ausrichten konnte“, so ist es auf der Internetseite der Freiwilligen Feuerwehr heute noch nachzulesen.

Frank Wilschewski, Direktor des Neustädter Zeittor-Museums, erklärt, dass die Kornspeicher zu der Jahreszeit gerade frisch gefüllt waren. Das Feuer hatte also ausreichend Nahrung. „Hinzu kommt, dass die meisten Häuser aus Holz gebaut und die Dächer mit Reet gedeckt waren. Der Wind hatte leichtes Spiel und trieb die Flammen immer weiter“, so Wilschewski. Doch der Wind trieb sie nicht in Richtung Hafen, sondern quer durch die Stadt. „Das hängt mit der Windrichtung zusammen“, erklärt Wilschewski. Hinzu kam, dass die Flammen aufgrund der ansteigenden Straße in Richtung Zentrum mehr Angriffsfläche (Nahrung) fanden.

Aus dem bereits zitierten Augenzeugenbericht geht weiter hervor, dass die Flammen den Kirchturm zum Einsturz brachten und das gerade erst für viel Geld verschönerte Rathaus zerstörten. „. . .

Nur mit Mühe und Gefahr des Lebens gelang es, den größten Theil des darin befindlichen Archivs zu retten“, heißt es in den Aufzeichnungen. Brennendes Heu, Stroh und Korn wurden durch Hitze und Wind in die Luft gewirbelt. Der Feuerregen entzündete weitere Gebäude und auch gerade gerettete Gegenstände.

Als die Nacht endlich dem Tag wich, die Flammen dank eines abflauenden Windes und fehlender Nahrung kleiner wurden, begann für die Neustädter ein schrecklicher Sonntagmorgen. Fast zwei Drittel der Stadt waren zerstört.

Doch so groß der Schaden war, so groß war auch die Hilfsbereitschaft. Zahlreiche Zeitungen forderten auf zu helfen. „Im ganzen Land wurde für Neustadt gesammelt: Geld, Lebensmittel und Kleidung.

Alleine an Geldabgaben gingen mehr als 85000 Silbertaler ein. Vor dem Brücktor wurde ein Magazin für die eingehenden Naturalienspenden eingerichtet“, schreibt Johannes Hugo Koch. Der amtierende Bürgermeister Peter Christian Hartwig Romundt schrieb am 18. Oktober 1817, dass es nur schwer möglich sei, die öffentliche Ordnung zu garantieren. So soll es Menschen gegeben haben, die sich bei Nachbargemeinden als Brandopfer ausgaben, um Spenden zu ergaunern. Schließlich schickte das damalige sogenannte Generalkommando aus Kiel einen Oberjäger und fünf Jäger (Militärs). Drei Jahre später berichtete der damalige Pastor Peter Christian Olfsen von aufgebauten Häusern und einem neuen „freundlichen Aussehen“ der Stadt. 1824 fand erstmals wieder ein Vogelschießen statt. Das Leben hatte erneut Fahrt aufgenommen.

Historie der Neustädter Wehr

1868 verlangte der Neustädter Gewerbeverein eine Alternative zur Zwangsfeuerwehr.

1869 stellte die Stadt 600 Taler für den Kauf einer Kastenspritze, Leitern, Feuerhaken sowie Schläuchen zur Verfügung. Die Gründung der Freiwilligen Feuerwehr Neustadt folgte am 17. Dezember 1869.

1922 wurde das erste Spritzenhaus in der Kirchenstraße gebaut.

1924 folgte ein Schlauchtrockenturm und 1928 das erste motorisierte Mannschafts- und Gerätefahrzeug mit Motorspritze.

1971 wurde ein modernes Feuerwehrgerätehaus in der Kirchhofsallee eingeweiht, das 2011 durch einen 2,6 Millionen Euro teuren Neubau ersetzt wurde.

 Sebastian Rosenkötter

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