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Ostholstein Hitzeschlacht: Feuerwehrleute sind am Limit
Lokales Ostholstein Hitzeschlacht: Feuerwehrleute sind am Limit
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22:26 31.07.2018
37 Grad: Marco Bendrich misst mit der Wärmebildkamera den Hitzestau in der Brandschutzbekleidung von Christian Schröder. Quelle: Fotos: Schneider
Heiligenhafen

„Bei diesen Temperaturen schmort man bereits nach wenigen Minuten im eigenen Saft“, sagt Christian Schröder von der Wehr in Kreuzfeld (Gemeinde Malente) und öffnet zum Beweis die dicke Jacke. Obwohl er die Bekleidung nur für ein Symbolfoto angezogen hat, zeigt das T-Shirt schnell großflächige Schweißflecken. „Im Einsatz steht uns das Wasser auf der Haut. Alle Klamotten sind so nass, dass man sie auswringen kann“, beschreibt Schröder den Zustand der Textilien.

Es ist heiß und trocken. Das extreme Wetter erhöht die Brandgefahr. Viele Wehren sind derzeit im Dauereinsatz und kommen dabei an die Belastungsgrenze. Ausgerechnet die Schutzbekleidung der Feuerwehrleute verstärkt das Problem. Etliche sind bereits kollabiert.

„Mit den warmen Klamotten verbraucht man sehr viel Wasser. Die Kameraden vollbringen Höchstleistungen.“ Pascal Salewski, DRK-Bereitschaft

Eigentlich müsste die Schutzkleidung danach gewaschen und getrocknet werden. „Doch dafür fehlt derzeit schlicht die Zeit. Das können wir uns im Moment nicht leisten“, erklärt Wehrführer Andree Bendrich. Schließlich brauche man die Bekleidung, um einsatzfähig zu bleiben. Ein Wechsel auf die leichteren Arbeitsjacken und -hosen sei mangels Schutzwirkung gegen Feuer und Glut für den heißen Einsatz nicht geeignet. „Nach der Alarmierung wissen wir nicht, was uns erwartet, sodass im Gerätehaus und während der Fahrt prinzipiell die große Ausrüstung gegriffen und anzogen werden muss. Vor Ort sollte jeder überall einsetzbar sein“, betont Bendrich. Zudem könne es sein, dass man von einem Einsatz heraus direkt in den nächsten gerufen werde. Auch für derartige Situationen müsse man vorbereitet sein. „Und das ist uns in der vergangenen Woche gleich zwei Mal passiert“, sagt Bendrich.

Ein zweiter Satz Kleidung könnte helfen

Doch es gibt eine Alternative: „Manche Wehren haben einen zweiten Satz Brandschutzkleidung zum Wechseln“, weiß Sohn Marco Bendrich. Aus seiner Sicht sei dies sinnvoller als die vermeintlich leichte Arbeitsuniform, die man eigentlich nur an Dienstabenden bei einfachen Wartungsarbeiten und Übungen trage. Mittel- und langfristig könnte man hier über einen Austausch nachdenken, regt Marco Bendrich an. Aber diese Entscheidungen würden an andere Stelle getroffen. Schließlich sind die Städte und Gemeinden für die Ausrüstung zuständig. Kurzfristig helfe nur trinken, trinken, trinken: „Wir müssen darauf achten, im Einsatz alle 30 Minuten etwa einen halben Liter Wasser aufzufüllen.“

Auch Pascal Salewski und sein Team von der DRK-Bereitschaft Neustadt sind im Dauereinsatz. Ob bei dem Bauernhof-Brand in Bujendorf (Gemeinde Süsel), während des Silofeuers in Christianstal (Gemeinde Göhl) oder bei brennenden Feldern – sie versorgen die Feuerwehrleute mit Getränken und Snacks. Allein in Bujendorf waren es rund 450 Liter sowie 300 Brötchen, die zusammen mit der DRK-Bereitschaft Süsel verteilt wurden. Salewski sagt: „Wir werden aktuell gefordert wie nie. Es dauert oft nur Minuten, bis einzelne Personen an ihre Grenzen kommen.“ Immer wieder würden Einsatzkräfte aufgrund der hohen Temperaturen kollabieren. „Mit den warmen Klamotten verbraucht man sehr viel Wasser. Die Luft kann unter ihnen nicht richtig zirkulieren. Die Kameraden vollbringen Höchstleistungen“, betont der Leiter der Neustädter Truppe.

Feuerwehrmann kam ins Krankenhaus

Kippe ein Feuerwehrmann um, gehe es vor allem darum, diesen aus der Sonne und aus seiner Einsatzkleidung zu bekommen. „Wir versuchen, den Kreislauf zu stabilisieren. Viel trinken hilft, klappt das nicht, ist eine Infusion möglich“, erläutert Pascal Salewski. Ein Feuerwehrmann habe sogar ins Krankenhaus gebracht werden müssen. Wie lange es dauert, bis die Retter wieder einsatzbereit sind, sei unterschiedlich. „Es wird empfohlen, sich mal einen Tag rauszunehmen“, sagt Salewski. Generell gelte, möglichst viel zu trinken, auch mal Cola. „Die brauchen nicht nur Wasser, sondern auch Zucker“, sagt Salewski.

Hilfe für die Retter aus Heiligenhafen

Nach dem schweren Unfall eines Einsatzfahrzeugs in Heiligenhafen konnten drei der acht verletzten Feuerwehrleute aus dem Krankenhaus entlassen werden. Auch die übrigen Retter sind nach Angaben der Feuerwehr mittlerweile auf dem Weg der Besserung.

Die Feuerwehr Heiligenhafen ist seit Dienstagmorgen ebenfalls wieder einsatzbereit. Sie war nach dem Unglück am Montag vorübergehend vom aktuellen Einsatzgeschehen freigestellt worden (die LN berichteten). Die Vertretung übernahmen die Mannschaften aus Oldenburg und Großenbrode, die zum Teil sogar im Feuerwehrhaus übernachteten, um im Ernstfall keine Zeit durch längere Anfahrtswege zu verlieren.

„Dieser Zusammenhalt ist einfach toll“, sagt Feuerwehr- Sprecher Hartmut Junge. Besonders froh sei er, dass die Nachbarwehren den Heiligenhafenern Dienstagmorgen die Hilfeleistung bei einem tödlichen Verkehrsunfall auf der B 207 Richtung Fehmarn abgenommen hätten. Einige Einsatzkräfte hatten Montag ihre eigenen Kameraden am Unfallort versorgt, nachdem das Einsatzfahrzeug gegen einen Baum geprallt und zur Seite gekippt war. Es hatte einem schwedischen Van ausweichen müssen, dessen 74-jähriger Fahrer dem Feuerwehrauto die Vorfahrt genommen hatte.

Das fehlende Löschfahrzeug reiße nun ebenfalls ein riesiges Loch in die Einsatzbereitschaft der Heiligenhafener Feuerwehr, so Junge. Die Feuerwehrleute seien stärker als sonst auf Unterstützung der Nachbargemeinden angewiesen. „Zum Glück ist die gesichert.“ jen

dis/ser

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