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Ostholstein „Ich bin Mohammed“: Ein Leben als gehörloser Flüchtling
Lokales Ostholstein „Ich bin Mohammed“: Ein Leben als gehörloser Flüchtling
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23:17 07.05.2016
Mohammed Mohsin zeigt die Gebärde für sein Heimatland Irak.

Wenn Mohammed Mohsin sich vorstellt, hebt er seinen rechten Arm, berührt mit den Fingern seiner gestreckten Hand eine Stelle hinter seinem Ohr und geht den Hals runter. Dann bewegt er Hand und Arm etwas zur Seite, klappt die Finger nach unten in Richtung Schulter. Die Bewegung in zweifacher Ausführung ist eine individuelle Gebärde, die ihm seine Eltern gaben, und steht für seinen Namen. Aufgewachsen ist er in Basra. Heute ist der Iraker einer von 30 den Behörden bekannten gehörlosen Flüchtlingen in Schleswig-Holstein. Mohammed träumt von einem Schulabschluss, einer Arbeit — vielleicht als Maler —, einer Familie. Denn seine Mutter ist tot, den Kontakt zur restlichen Familie hat er durch den Krieg verloren.

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Irak.“ Mohammed Mohsin

Seine Geschichte ähnelt in ihrer kaum begreiflichen Grausamkeit den Erlebnissen so vieler Asylsuchender. Von der Türkei aus ließ er sich mit einem Boot nach Griechenland schleusen. Nach der lebensgefährlichen Überfahrt folgten tagelange Fußmärsche, Hunger, Gewalt und die fortwährende Angst, von der Polizei festgesetzt zu werden. Für den jungen Iraker kam noch ein weiteres Problem dazu.

„Es gab sieben Monate keine Kommunikation.“ Stattdessen orientiert er sich an anderen, an hörenden Flüchtlingen, lernt ihre Mimik und Gestik zu lesen und zu verstehen. Stundenlang trägt er das Baby einer ihm kaum bekannten Frau. „Das war instinktive Kommunikation“, erklärt er.

Sechs Monate war der junge Mann in Schweden, einen weiteren in Dänemark. „Er hat keine Hilfe bekommen, hat es nicht mehr ausgehalten. Er war so verzweifelt, wollte sich verhaften lassen, in der Hoffnung irgendwo zu landen, wo man ihm hilft“, erzählt Monika Gascard. Die Neustädterin — selbst gehörlos — ist Beauftragte für gehörlose Flüchtlinge in Schleswig-Holstein.

Dass Mohammed Mohsin von der Registrierungsstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge in Neumünster nach Ostholstein geschickt wurde, ist für den Iraker ein Glücksfall. Ängste nehmen, bei Behördengängen helfen, erklären, dass Verträge hier nicht per Handschlag geschlossen werden: All das macht Monika Gascard. „Monika ist da und hilft mir. Ich habe das Gefühl, dass wir auf Augenhöhe kommunizieren. Hier bin ich ein Mensch, in Schweden war ich nur ein Etwas“, sagt Mohammed.

Aktuell betreut Monika Gascard sieben Flüchtlinge. Den Kontakt zu ihren Schützlingen hält sie per Handy und Tablet. Wie das geht, zeigt Mohammed: Er hebt sein Handy hoch, als wolle er ein Selfie machen. Dann beginnt er zu gebärden, filmt sich dabei. „Ich erzähle einer Freundin, dass ich gerade ein Interview mit einer Zeitung mache“, erläutert er.

Seine Gebärden unterscheiden sich deutlich von denen deutscher Gebärdensprachler. „Wenn wir das Wort ,schnell‘ sagen, ist das für Iraker wie ,fuck‘“, nennt Monika Gascard ein Beispiel.

Glücklicherweise kann Mohammed etwas International Sign, also die internationale Gebärdensprache.

Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich für ihn und andere gehörlose Flüchtlinge aus dem arabischsprachigen Raum daraus, dass das Fingeralphabet nicht funktioniert, weil die lateinischen Buchstaben dort nicht genutzt werden. Und da Mohammed Mohsin die deutsche Sprache nicht versteht, kann er diese im Vergleich zum Arabischen auch nicht von den Lippen ablesen. „Wenn ich jemanden treffe, der weder Arabisch spricht, noch Gebärdensprache kann, verstehe ich ihn überhaupt nicht“, sagt er.

Das soll sich jedoch, auch dank Monika Gascards Unterstützung, ändern: Sobald er eine Aufenthaltsgenehmigung hat, darf er einen Integrationskursus für Gehörlose in Hamburg besuchen. Für Mohammed Mohsin wäre es die Chance, dauerhaft in Deutschland zu bleiben. „Ich möchte nicht zurück. Ich denke, dass der Krieg nie aufhört. Hier fühle ich mich super und habe das Gefühl, willkommen zu sein.“

• Im Internet auf www.LN-Online.de/Video gibt es ein Video von Mohammed.

Deutsche Gebärdensprache in einem Integrationskursus lernen

Die Deutsche Gebärdensprache ist ein eigenständiges Sprachsystem. Die Wahrnehmung erfolgt nur über die Augen. Beim Sprechen werden Hände, Arme, Oberkörper und Kopf eingesetzt. Eine besondere Rolle spielt die Mimik.

Gebärdensprachen unterscheiden sich von Land zu Land. Dennoch können sich Gehörlose nach kurzer Eingewöhnung miteinander verständigen.

Integrationskurse: Für Gehörlose gibt es seit einigen Monaten spezielle Kurse. Angebote werden diese unter anderem in Hamburg von der Sprachschule Heesch. Die Migranten sollen in 900 Stunden lernen, Deutsch zu schreiben und zu verstehen. Zusätzlich gibt es einen 60-stündigen Orientierungskursus, in dem sie unter anderem die grundlegenden Werte und Normen der deutschen Gesellschaft vermittelt bekommen sollen.

Von Sebastian Rosenkötter

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