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„Ich musste mich entscheiden: weinen oder lernen“

Grube „Ich musste mich entscheiden: weinen oder lernen“

„Auf dem Meer kam Sturm auf, niemand wusste, wo wir waren.Masoomeh Bahrami, Asylbewerberin

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Jetzt blickt sie optimistisch in eine neue Zukunft: Masoomeh Bahrami aus Grube hat das begehrte Deutsch-Zertifikat in der Tasche. FOTOS: PETER MANTIK (2)

Grube. Den Briefkasten beachtet sie dieser Tage bewusst nur beiläufig. Dabei erwartet Masoomeh Bahrami den vielleicht wichtigsten Brief ihres Lebens. Die 28-jährige Frau hat einen Antrag auf Asyl gestellt. Der Bescheid kann jeden Tag bei ihr eintreffen. Sie möchte unbedingt in Deutschland leben, genauer gesagt in Grube, 5000 Kilometer entfernt von ihrer Heimat Afghanistan und getrennt von ihrer Familie mit fünf Geschwistern, die im Iran leben.

LN-Bild

„Auf dem Meer kam Sturm auf, niemand wusste, wo wir waren.Masoomeh Bahrami, Asylbewerberin

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„Ich bin Staatsbürgerin Afghanistans, bin aber im Iran aufgewachsen. Als Frau hätte ich nach dem Studium nur im Land bleiben dürfen, wenn ich einen iranischen Mann geheiratet hätte“, berichtet sie.

Sie musste zurück in ihr Geburtsland und wurde somit wenig später ein politischer Flüchtling. Ihr Weg führte wie der so vieler Menschen über die Balkanroute nach Deutschland. Afghanistan, Iran, Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Österreich, Deutschland. Zwei Monate dauerte dieser Tripp mit Zug und Bahn.

„Als wir von der Türkei mit dem Boot übersetzten, gerieten wir in einen Sturm“, erzählt Masoomeh Bahrami in fließendem Deutsch. „Unsere beiden Kapitäne aus der Ukraine, die kein Wort Englisch sprachen, verloren die Orientierung. Es war furchtbar. Schließlich strandeten wir auf einer Insel, verbrachten dort drei Tage ohne Essen und mussten uns Wasser aus einem Brunnen holen.“

Endlich angekommen in Passau, wurde sie in die Erstaufnahme nach Neumünster gebracht. Von dort kam sie nach Ostholstein. Hier begann sich das Blatt positiv zu wenden. Das war vor 15 Monaten. „Ich habe oft geweint, wachte mit Alpträumen auf, benötigte Hilfe“, erinnert sich die 28-Jährige, die nach einer traumatischen Flucht sagt, sie fühle sich viel älter und reifer, als sie biologisch ist.

Das erste Mal gelacht habe sie wieder bei einem Surfkursus bei Sail United in Großenbrode. „Dort habe ich die Sorgen in den Wellen für einige Minuten zurückgelassen.“

Neben Grube ist Großenbrode der zweite wichtige Ort für sie. „Ich habe dort eine ganz wichtige Freundin gefunden.“ Andrea Reise habe ihr geholfen, Fuß zu fassen. Es sei dann der Tag gekommen, als sich Masoomeh Bahrami nach eigenen Worten entscheiden musste: „Möchte ich weiter weinen – oder fange ich an zu lernen?“

Für viele Flüchtlinge ist es bis heute beim Weinen geblieben. Konnte sie in der Erstaufnahme nur „ein bisschen“ und „Gesundheit“ sagen, intensivierte sie ihre sprachlichen Bemühungen. Die studierte Arabisch/Englisch-Übersetzerin machte schnell Fortschritte, paukte zuletzt im September mit einer Gruber Freundin täglich und ist seit Oktober im Besitz eines Deutsch-Zertifikats.

Außerdem hat sie parallel einen Job bei der Bäckerei Puck gefunden, wofür sie unendlich dankbar sei. „Es ist ein solch gutes Gefühl, endlich wieder auf eigenen Beinen zu stehen und eine kleine Wohnung zu führen“, sagt sie. In Grube kenne sie mittlerweile „so viele nette Menschen“, dass sie ihren ursprünglichen Wunsch, in einer Großstadt wie Hamburg leben zu wollen, nun nicht mehr hat.

„Hier habe ich Geborgenheit gefunden, hier komme ich zur Ruhe.“ Über ein Smartphone habe sie auch täglichen Kontakt zur Familie. Dank moderner Technologie könne sie ihre Lieben ja nicht nur hören, sondern bei Video-Telefonaten auch sehen. Das helfe gegen Heimweh.

Schließlich war es erneut Andrea Reise, die sie nach Glückstadt fuhr. Dort stellte Masoomeh Bahrami nach einem Gespräch offiziell einen Asylantrag. „Ich möchte unbedingt in Deutschland leben.“ Den Gedanken, dass sie auch einen negativen Bescheid erhalten könnte, blendet sie auch dank des Jobs aus. „Ich denke positiv.“

Peter Mantik

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