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Im Ring mit Fehmarns härtester Faust

Hamburg/Fehmarn Im Ring mit Fehmarns härtester Faust

Vor 45 Jahren stand der Fehmaraner Jürgen Blin gegen Muhammad Ali im Ring, es war der Kampf seines Lebens. Die LN besuchten den 73-Jährigen zu einem Schnuppertraining im Gym. Ein Video und die ganze Geschichte heute auf www.LN-Online.de

Jürgen Blin (r.) erwischt LN-Redakteur Peter Mantik mit einer Rechten. Ein ungleicher Kampf, aber auch ein großer Spaß mit gebremstem Schaum.

Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Hamburg/Fehmarn. „Nimm die Fäuste hoch.“ Vier Worte, ein Befehl. Dennoch sitzt die Linke zum Kopf, wenngleich sie nicht voll durchgezogen ist. Jürgen Blin ist in seinem Element. Dem Redakteur geht die Muffe. Kein Wunder, denn Blin war eine große Nummer im Schwergewichtsboxen.

Am 26. Dezember 1971 blickte die ganze Welt auf den Fehmaraner, als dieser mit „dem Größten“, mit Muhammad Ali, im Züricher Hallenstadion im Ring stand. Die LN lud der heute 73-Jährige ins Boxgym seines Freundes Erol Ceylan nach Hamburg ein – quasi zum Interview mit Schnuppertraining.

Während es für die LN im Ring keine Rettung gibt, war das Boxen für Blin der einzige Weg raus aus seiner persönlichen Misere. „Meine Kindheit war keine Kindheit, schlimm“. Blin musste erst lernen, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Geboren wurde er auf Fehmarn, doch da sein Vater ein Problem mit dem Alkohol hatte, zog seine Familie ständig um. Eutin, Scharbeutz, Reinfeld, Klein Zecher, Großensee. „Ich musste mir immer wieder neue Freunde suchen.“

Jürgen Blin ist noch heute ein Boxer mit Herzblut. Er trainiert Jugendliche und macht ihnen die Übungen noch vor.  LN-Redakteur Peter Mantik musste ganz schön einstecken ...

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Umsonst habe er mit 14 nicht gesagt: „Schluss, ich muss weg.“ Er heuerte als Schiffsjunge an, nahm den Zug nach Rotterdam. Weit weg, auf die See. Messing putzen. Zurück in Hamburg habe ihn ein Fleischer gefragt, ob er nicht Metzger werden wolle. Blin wollte. Gegenüber gab es einen Boxclub. „Ich hatte kein Talent, aber ich war fleißig.“ Blin kämpfte sich hoch, Schlag auf Schlag, Runde für Runde.

Hamburger Meister, Deutscher Meister, Europameister. Es gab nur einen Fight in seiner Karriere, vor dem er wusste: Heute kann ich nicht gewinnen. „Da werden einem die Knie weich, wenn einem dieser Mann gegenüber steht.“ Muhammad Ali.

Blin schwärmt: „Er war groß, er war schnell, er hatte alles.“ Ali sei eine Ikone gewesen. „Nur wegen ihm bin ich heute noch interessant, weil ich mit ihm im Ring gestanden habe.“ Sieben Runden hat er sich gewehrt, bis er nach drei Präzisions-Treffern Alis auf die Knie ging. „Ich war noch klar im Kopf, hätte weitermachen können, doch es machte keinen Sinn mehr.“ Ali setzte seine Weltkarriere fort und auch Blin feierte seinen größten Erfolg noch: Er gewann 1972 gegen José Manuel Urtain den Europameister-Titel. Die Erinnerungen machen Blin Lust auf eine Runde mit dem LN-Redakteur.

Jetzt muss die Brille runter von der Nase. „Komm, links, links, rechts und dann mit der Linken wieder raus.“ Das Spiel ist einfach. Redakteur schlägt nach Anleitung – und Blin vermittelt das Gefühl eines echten Kampfes, indem er immer mal wieder selbst einen gebremsten Schlag an den Mann bringt. Mal auf den Solarplexus – ja, das Atmen fällt dann schwer – auch mal eine Gerade als Wischer zum Kopf. Der Hunger nach Erfolg ist noch immer in seinen Augen zu erkennen. Das wirkt sich auf den Gegenüber aus, der nun keinen Schlag mehr zustande bringt. Blin ist austrainiert. Jogging an der Bille, Treppenläufe im Park und Schattenboxen im Gym füllen seinen Alltag. „Ich trainiere auch noch Jugendliche, mache den Burschen alle Übungen selbst vor“, erzählt Blin in einer kurzen Verschnaufpause. Das Boxen in Deutschland befinde sich seit Jahren in der Krise. „Ich warte ja immer darauf, dass da mal wieder einer kommt.“ Bisher vergebens. Sein früh verstorbener Sohn Knut, der hätte einer werden können, wenn er nicht so krank gewesen wäre. „Der hatte auch alles, Körper, Talent. Wirklich schade.“

Für Schlagzeilen sorgte Blin 2007 unfreiwillig, als ARD-Moderator Waldemar Hartmann ihn bei der Anmoderation des Walujew-WM-Kampfes live vor 7,43 Millionen TV-Zuschauern fälschlicherweise für tot erklärte. Derweil genießt Blin das Leben weiter. Mit seiner Brigitte lebt er in einem schönen Häuschen am Hamburger Stadtrand. Seine Sporttasche ist stets gepackt. Das Boxen lässt ihn nicht los – auch 45 Jahre nach dem Fight seines Lebens nicht. Zum Abschied im Gym sagt er: „Meld Dich, wenn Du mal wieder boxen willst. Ich bin bereit.“

Von Fehmarn nach Hamburg

Jürgen Blin wurde am 24. April 1943 auf Fehmarn geboren; zog als Kind mit seiner Familie binnen weniger Jahre nach Eutin, Scharbeutz, Reinfeld, Klein Zecher und Großensee, heuerte mit 14 in Rotterdam als Schiffsjunge an; begann mit 16 als Amateurboxer in Hamburg. Er wurde Hamburger Meister, Deutscher Meister und Europameister, gewann 31 von 48 Profi-Kämpfen.

 Peter Mantik

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