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Ostholstein Immer die Waage halten: Grömitz hat neue Schiedsfrau
Lokales Ostholstein Immer die Waage halten: Grömitz hat neue Schiedsfrau
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20:10 18.08.2015
Schiedsfrau Karin Bierau übt die Tätigkeit neben einem Vollzeitjob ehrenamtlich aus. Sie ist nicht bei der Gemeinde angestellt. Was auch gut ist — um im Zweifel unabhängig zu bleiben. Quelle: Irene Burow
Grömitz

In Grömitz hat sich die neue Chef-Streitschlichterin Karin Bierau (49) ans Werk gemacht. Die Gemeindevertretung hat sich schon vor Monaten für sie ausgesprochen, jetzt ist sie durch den Oldenburger Amtsgerichtsdirektor offiziell ernannt worden. Sie kommt immer dann zum Einsatz, wenn sich streitende Menschen nicht allein einigen können. „Ich versuche als neutrale Person, dass sich die Parteien aufeinander zu bewegen“, erklärt sie.

Das Ehrenamt hat sie in Grömitz bereits im Mai 2014 als Stellvertreterin begonnen und hat erste Einblicke in typische Auseinandersetzungen gewonnen. Bei fast allen Fällen handelt es sich um Nachbarschaftsstreitigkeiten, bei denen es um Pflanzenbewuchs geht. Zu große Bäume, zu breite Hecken, zu dichte Bepflanzung. „Mit der Saison fängt meine Arbeit an“, schmunzelt sie. „Wenn die Bäume und Sträucher sprießen.“ Mit das größte Problem dabei sei es, den Besitzer einiger Grundstücke ausfindig zu machen. Denn viele Vermieter wohnen oft ganz woanders. „Ein anderes Problem ist auch, dass die Menschen ihre Bedenken zu spät ansprechen“, sagt Karin Bierau. Der Zeitpunkt sei jedoch manchmal sehr wichtig, da es schwierig wird, einen Zustand von vor mehreren Jahren herbeizuführen.

Doch auch einen Fall von Ehrverletzung hat sie schon erlebt. „In einem Haus mit schlechter Bausubstanz wurde über Gerüche oder Geräusche des normalen Lebens gestritten. Eine Partei war dazu übergegangen, mit dem Nachbarn über schriftliche Aushänge zu kommunizieren“, berichtet die 49-Jährige. „Das ist ein Angriff auf die persönliche Ehre. Man muss sich nicht alles gefallen lassen.“

Oft gelinge es, zu schlichten, sagt Bierau. Lässt sich ein Fall zügig klären, wird er als Tür- und Angelgeschäft bezeichnet. Wird durch eine Schiedsverhandlung ein Kompromiss gefunden, verpflichten sich die Teilnehmer bei Sachthemen per Unterschrift für 30 Jahre. Manchmal findet sich aber auch keine Lösung. Dann stellt sie eine Erfolglosigkeitsbescheinigung aus, mit der geklagt werden kann. In einigen Fällen ist es gar nicht erst möglich Klage einzureichen, bevor keine Schiedsverhandlung stattgefunden hat. „Sich auf diesem Weg zu einigen ist oft besser als sich gerichtlich zu streiten“, erklärt sie. „Denn möglicherweise ordnet ein Richter etwas an, mit dem beide Seiten nicht einverstanden sind.“

Warum sie sich für dieses Ehrenamt entschieden hat? „Ich glaube es liegt mir. Ich hatte immer mit Menschen zu tun.“ In Hessen war sie in Kreistag und Gemeindevertretung aktiv, war gerichtlich bestellte Betreuerin, hat im Versicherungswesen gearbeitet und ist jetzt in der Neustädter Verwaltung tätig. Um Lösungen zu finden, versucht sie mit den Beteiligten nicht bei Vorwürfen aus der Vergangenheit zu verharren. Durch ruhiges, aber bestimmtes Auftreten verschafft sie sich Respekt. Eine Maxime, die sie generell im Leben verfolgt, ist es, keine Entscheidungen für andere Menschen zu treffen. Selbst in ihrer Familie handhabt sie es so, gibt immer nur Denkanstöße: „Ich erfrage Lösungen“, erklärt sie ein weiteres Rezept. Dabei helfen offene Fragen: Was stellen Sie sich vor? Wie weit würden Sie dem anderen entgegenkommen? „Darauf gibt es immer eine Reaktion“, sagt sie. „Und wenn jemand seinen Baum nur einen Meter stutzen will, dann ist der Wille da. Das ist auch ein Fortschritt. Oft geht dann auch noch ein halber Meter mehr.“

So ein Fingerspitzengefühl wünscht sie sich auch von einem Stellvertreter, der noch zu suchen ist. „Vorbildung braucht man dafür nicht. Es ist aber von Vorteil, Gesetzestexte lesen zu können und Verständnis für andere Sichtweisen aufzubringen. Wer davon überzeugt ist, immer alles richtig zu machen, ist verkehrt.“

Vorfälle in kleinem Stil: Schiedsamt entlastet Gerichte
Schiedsämter sollen die Gerichte entlasten. Das Schiedsamt Grömitz ist auch für Dahme, Grube und Kellenhusen zuständig. Es kann tätig werden bei vermögensrechtlichen Streitigkeiten, wie Schadenersatz, nachbarschaftlichem Streit, Verletzung der persönlichen Ehre, Körperverletzung und Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Bedrohung, Beleidigung, übler Nachrede, Verleumdung und Verunglimpfung, sowie Verletzung des Briefgeheimnisses.
Der Antrag auf ein Schlichtungsverfahren kann schriftlich eingereicht werden. Die nicht-öffentliche Verhandlung findet in der Regel im Rathaus statt. Es wird eine Gebühr fällig.
Kontakt:

schiedsamt.groemitz@online.de

Irene Burow

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