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Ostholstein Inklusion sichtbar machen: Das Talentehaus zieht um
Lokales Ostholstein Inklusion sichtbar machen: Das Talentehaus zieht um
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21:26 25.07.2018
Gruppenleiter Andreas Priebe (r.) zeigt Erik Wildfang, wie er eine Holzvorlage für eine Fackel-Gussform drechselt. Quelle: Fotos: Binder
Oldenburg

Noch sind die 20 kreativen Köpfe der Werkstatt für angepasste Arbeit und ihre drei Arbeitsbegleiter auf der gegenüberliegenden Straßenseite am Werk. In einem Hinterhof wird fleißig gedrechselt, getöpfert und gemalt; im Verkaufsraum stehen Regale voller buntem Geschirr, Kerzen und Deko-Artikeln – allesamt handgefertigt. Hier stöbern bisher allerdings fast nur Eingeweihte – Laufkundschaft verirrt sich nur selten ins Talentehaus der Hilfsorganisation für Menschen mit Beeinträchtigung.

Das Talentehaus der „Ostholsteiner“ zieht um. Ein neuer Standort neben dem Schützenhof in der Göhler Straße soll die Werkstatt sichtbarer machen. In der kommenden Woche beginnt der Abriss der ehemaligen Feuerwehrhalle; für Mai 2019 ist der Einzug in den Neubau geplant.

„Das möchten wir ändern“, erklärt Werkstattleiter Uwe Hengst. Die Einrichtung solle präsenter werden – und mit ihr das Thema Inklusion. Der Neubau in Holzbauweise und mit viel Glas solle ein echter Blickfang werden. Geplant seien ein Verkaufsraum samt Schaufenstern im vorderen Bereich, von dem aus Besucher durch eine transparente Wand auch die Arbeit im Atelier verfolgen könnten. Anders als die alte Halle – die bisher nur als Lager genutzt wurde – soll das neue Gebäude im rechten Winkel zur Straße stehen, also mit der kurzen Seite vorn. Die benachbarte Tagesförderstätte bleibt.

Gruppenleiter Andreas Priebe, der das Talentehaus vor neun Jahren initiiert hat, freut sich auf den zukünftigen Standort. „Es wäre schön, wenn mehr Menschen sehen würden, was hier passiert“, sagt er, „wir haben so kreative Leute bei uns.“ So wie David Jöllenbeck, der unter anderem kleine Tierfiguren fertigt. Oder Oona Sundermann, die mit dem Pinsel bunte Muster auf Tonartikel malt. Eine Vorlage gebe es nicht, erklärt sie, „ich mache das nach Gefühl“.

Auch viele Figuren werden von den Kunsthandwerkern individuell gestaltet. Für andere gibt es Gussformen aus Gips. Mit ihrer Hilfe entstehen beispielsweise Auftragsarbeiten und Artikel aus dem dauerhaften Sortiment. Aktuell stehen bestellte Tassen für ein Oldenburger Café auf dem Programm. Nico Rauert ist gerade dabei, den Ton in die entsprechenden Formen zu gießen. Über Nacht härtet der aus und wird am nächsten Tag gebrannt und glasiert.

Das übernehmen seine Kollegen. Er selbst sei fürs Gießen zuständig, erklärt Nico Rauert. Wenn kein Auftrag anstehe, kontrolliere er die Regale im Verkaufsraum, um zu sehen, was gebraucht werde. In der Werkstatt finden sich Dutzende Gipsformen – für Deko-Vögel, Teekannen, Schalen und Vieles mehr. Und ständig kommen neue dazu.

Das selbstständige Arbeiten und die Verantwortung für einen bestimmten Aufgabenbereich gehörten genauso zum Konzept der Werkstatt wie das Ausleben der eigenen Kreativität, erläutert Andreas Priebe.

Neuzuwächse im Talentehaus ermutigt er zunächst, sich auszuprobieren, herauszufinden, was ihnen liegt und Spaß macht. Hauptsächlich gearbeitet werde mit Wachs, Ton und Holz – jeder solle sein eigenes „Steckenpferd“ finden. Noch immer sei er selbst oft überrascht von den Ergebnissen solcher Experimente, erzählt der Gruppenleiter. Nicht wenige davon seien mittlerweile fester Bestandteil des Angebots.

Priebe selbst ist gelernter Werkzeugmacher und kann die Mitarbeiter handwerklich unterstützen und anlernen. Doch auch Experten von außen holt er immer mal wieder ins Haus, damit das Team neue Tipps und Anregungen bekommt. Denn so kreativ die Ideen, so hochwertig soll auch die Qualität der Produkte sein.

Und im neuen Talentehaus könnten sie endlich auch besser präsentiert werden. Über zu wenige Besucher würden sie sich dann hoffentlich nicht mehr beklagen können, ist Priebe zuversichtlich:

„Wahrscheinlich müssen wir eher zusehen, dass wir die Regale rechtzeitig nachgefüllt bekommen.“

Von Jennifer Binder

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