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Ostholstein Jana Raile erzählt seit 25 Jahren Märchen
Lokales Ostholstein Jana Raile erzählt seit 25 Jahren Märchen
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16:33 11.01.2018
Die Erzählkünstlerin Jana Raile tritt seit Jahren in der Region auf – wie hier 2010 mit der Geschichte „Die kleine Meerjungfrau“. Quelle: LN-Archiv, Ser
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Neustadt

Jana Raile wächst in Lauf bei Nürnberg auf. Als junges Mädchen hat sie Märchenverbot. „In den 1970er Jahren galten Märchen als zu brutal für Kinder und waren tabu“, erinnert sich Raile. Dennoch stehen auch in ihrem Elternhaus Bücher der Brüder Grimm. „Ich habe sie gerne gelesen, aber da war ich schon etwas älter“, sagt sie. Als sie 14 ist, greift Jana Raile zum Stift, schreibt zwei eigene Märchen – ihre bis heute einzigen. „Im ersten ging es um eine Mauer. Alle Kinder haben einen Schlüssel gefunden, um durch die Tür in einen wunderschönen Garten zu gehen, nur ich nicht“, erzählt Raile.

Wenn Erzählkünstlerin Jana Raile spricht, reisen die Zuhörer in eine Fantasiewelt. Seit 25 Jahren ist die Neustädterin unterwegs, trat in der Wüste und auf einem Kreuzfahrtschiff auf. Drei Personen haben ihren Werdegang besonders beeinflusst: ihre Mutter, ein altes Männchen und eine Todkranke.

Märchen als Hilfe in schwierigen Situationen

Der Text ist ein Stück Therapie. In ihm verarbeitet sie, dass ein Mädchen nicht mit ihr befreundet sein will, es aber mit allen anderen Jugendlichen ist. Das zweite Märchen erzählt von einer bösen Hexe, „die mir den Vater weggenommen hat“, sagt Raile. „Die Märchen haben mir geholfen, dem Erlebten einen Ausdruck zu geben.“

Ihrer Mutter bleibt die Faszination zu Märchen nicht verborgen. Drei Jahre später nimmt sie ihre 17-jährige Tochter mit auf einen Kongress der europäischen Märchengesellschaft. „Dort habe ich zum ersten Mal einen Märchenerzähler gehört. Es war wie eine Offenbarung. Ein kleines verhutzeltes Männchen ging auf die Bühne und fing mit einer ganz leisen Stimme an zu sprechen. Er hat mich in eine andere Welt mitgenommen. Da wusste ich, dass mache ich auch“, sagt Raile, die für sich jedoch einen ganz anderen Erzählstil als das „Männchen“ gefunden hat.

Mit Worten Bilder schaffen

Sie beschreibt sich als emotional, ausdrucksstark und theatral. Erzählen und Vorlesen sind für sie grundverschieden. „Wenn ich erzähle, habe ich direkten Kontakt zu den Zuhörern. Dann steht kein Buch zwischen uns“, sagt sie. Beim Erzählen gehe es darum, Bilder in den Köpfen zu schaffen. Raile will in ihren Zuhörern Gefühle wecken, wobei ihr klar ist, dass diese ganz unterschiedlich sein können. „Wenn ich das Wort Männlein nutze, hat jeder ein Bild, aber es ist immer unterschiedlich“, verdeutlicht sie.

Bevor sich Jana Raile 1992 selbstständig macht und nur sechs Monate später davon leben kann, feiert sie ihr Abitur, beginnt eine Ausbildung zur Krankenschwester. Gegen Ende dieser lernt sie eine 20-jährige Todkranke kennen, erlebt wie sie stirbt. „Es war furchtbar, live mit dem Tod konfrontiert zu werden. Wir waren fast gleich alt. Ich habe ihr immer wieder das Märchen Sterntaler erzählt.

Damals dachte ich, dass ich es für sie erzähle. Heute weiß ich, dass ich es für mich gemacht habe.“

Erzählkunst für Erwachsene

Wenige Tage nach dem Tod der jungen Frau schmeißt sie ihre Ausbildung hin. „Ich habe gedacht, dass ich Menschen etwas anderes geben möchte. Ich bin der Frau sehr dankbar. Auch Dank ihr mache ich, was ich will.“ Die damals 23-jährige Jana Raile empfindet sich in diesen Jahren als Mensch, der alles machen kann. Und auch 25 Jahre später ist ihr klar, der Entschluss war richtig. „Ich brenne immer noch fürs Erzählen“, sagt Raile. Neben zahlreichen Auftritten bildet sie Erzähler aus und schult Ehrenamtler in Hospizen. Eines ist der Frau, die vor 20 Jahren nach Neustadt zog und das Meer als inspirierend empfindet, ganz wichtig: „Oft heißt es, Erzählen könne jeder und ich werde in die Kinderschublade gesteckt. Dabei mache ich meine Erzählkunst hauptsächlich für Erwachsene.“ Wenn sie Menschen, die zunächst mit verschränkten Armen vor ihr sitzen, in eine Fantasiewelt schicken kann, ist sie zufrieden.

 Von Sebastian Rosenkötter

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