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Ostholstein Junge Asylbewerber hoffen auf einen Ausbildungsplatz
Lokales Ostholstein Junge Asylbewerber hoffen auf einen Ausbildungsplatz
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15:53 09.04.2016
Rüdiger Tuschewski vom Kinderschutzbund freut sich mit Ahmad Mensing über dessen erfolgreiche Berufsausbildung. Auch für Ahmad begann sein neues Leben in der Eutiner Wohngemeinschaft. Quelle: Fotos: Thomas Klatt

Karim (16, Name geändert) hat einen Traum: Informatiker will der gebürtige Afghane werden, der mit seiner Familie zunächst in den Iran floh und dann als unbegleiteter jugendlicher Flüchtling nach Deutschland kam. Perspektivlosigkeit bestimmte im Iran seinen Alltag. Hier, in einer kleinen Eutiner Wohngemeinschaft des Kinderschutzbundes, hofft er, seinem Leben eine neue Richtung geben zu können.

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Vorwiegend Afghanen büffeln in der Schule, um ihren Traum zu verwirklichen.

„Nur wenige haben bereits einen Schulabschluss, einige dieser jungen Menschen sind Analphabeten“, beschreibt Martin Liegmann, Geschäftsführer beim Kinderschutzbund Ostholstein, die Ausgangslage vieler junger Asylbewerber, die unbegleitet aus ihrem Heimatland nach Deutschland gekommen sind. Der Großteil von ihnen kommt aus Afghanistan.

Ihn beeindruckt der Ehrgeiz, mit dem die jungen Menschen bemüht sind, hier Fuß zu fassen. „Die wissen, dass gute Deutschkenntnisse die wichtigste Voraussetzung sind, und hängen sich beim Lernen richtig rein“, hat Liegmann beobachtet. Neben der Grundversorgung stelle der Kinderschutzbund auch die psychosoziale Versorgung sicher: „Viele der jungen Menschen haben schwere Schicksale hinter sich und müssen durch Gesprächsangebote oder Therapien erstmal in die Lage versetzt werden, eine Ausbildung zu beginnen“, so der Geschäftsführer.

Neben dem Kinderschutzbund sind auch das Jugendamt, die Agentur für Arbeit oder das Jobcenter in die Betreuung und Versorgung der jungen Asylbewerber involviert. Nach einem Ausbildungsvorbereitenden Jahr (AVJ), das viele der Jugendlichen in der Regel durchlaufen, stehen die Chancen auf einen Ausbildungsplatz nicht schlecht, meint Kreissprecher Jan-Wendelin Henrich: „Besonders im Service-Bereich gibt es Chancen für die jungen Menschen. Wichtig sind Grundkenntnisse in der Sprache sowie eine Vertrautheit mit dem hiesigen Wertesystem.“

Die Grundlagen dieses Wertesystems werden den Jugendlichen bereits in den ersten 24 Stunden ihres Aufenthaltes mit Nachdruck vermittelt, betont Martin Liegmann: „Regelmäßig zur Schule gehen, Pünktlichkeit und keine Mädchen anbaggern — und auf keinen Fall Vorfälle à la Köln.“ Wer sich nicht daran halte, müsse mit seiner sofortigen Abschiebung rechnen. Liegmann: „Diese Drohung sitzt und nach unseren Erfahrungen halten sich die jungen Menschen auch daran.“ Viel Unterstützung bekämen die Asylbewerber auch durch Schulen, von Nachbarn oder anderen wohlmeinenden Menschen aus der Bevölkerung. „Hier wird wirklich ein großer Beitrag zur Integration geleistet“, findet Liegmann.

Bisher konnten erst wenige Asylbewerber in Ausbildungsverhältnisse vermittelt werden. Im Vordergrund steht zunächst noch die schulische Ausbildung. „Aber die Bereitschaft unserer Mitglieder, Ausbildungsplätze und Praktika zur Verfügung zu stellen, ist groß“, sagt beispielsweise der Vorsitzende der Kreishandwerkerschaft Ulrich Mietschke.

Doch über allen Flüchtlingen — und damit auch über den jungen Asylbewerbern — schwebt zunächst noch das Damoklesschwert der Anerkennung ihres Asylantrages (siehe Infokasten).

Ahmad Mensing (22) ist einer der Flüchtlinge, die es bereits geschafft haben. Auch sein Werdegang hat in der Eutiner Wohngemeinschaft ihren Lauf genommen. Mittlerweile hat der Afghane seine Berufsausbildung als Elektroniker abgeschlossen, überlegt jetzt, seinen Meister zu machen oder ein Auslandsjahr in Kanada einzulegen. Und auch das zählt zu dem Traum der jungen Menschen: dass sie eines Tages wieder in ihr Heimatland zurückkehren können. Doch dafür, so Ahmad Mensing, müsse sich zunächst die Lage in ihrem Land beruhigen.

Stiller Begleiter im Schulalltag: Die Angst vor der Abschiebung

Jugendliche Asylbewerber befinden sich bei Aufnahme einer qualifizierten Berufsausbildung in einem Duldungs- Status. Die Duldung kann verlängert werden, sofern sich das Ausbildungsverhältnis verlängert.

Von einer sekundären Traumatisierung spricht der Kinderschutzbund angesichts der Ängste junger Asylbewerber, wieder in ihr Herkunftsland abgeschoben zu werden. „Vieler dieser jungen Menschen haben vor ihrem Besuch einer Ausländerbehörde Schweißausbrüche“, schildert Martin Liegmann vom Kinderschutzbund die Problematik. Die psychosoziale Versorgung des Kinderschutzbundes diene auch dazu, derartige Ängste zu lindern, die die Asylbewerber zum Teil sehr belasten.

Der Ausbildungsmarkt ist aus Sicht von Kreissprecher Jan-Wendelin Henrich für junge Asylbewerber offen. Erste Arbeitskräfte hätten bereits in das Kfz- und Baugewerbe vermittelt werden können.

Von Thomas Klatt

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