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Ostholstein Juri war „schutzlos ausgeliefert“
Lokales Ostholstein Juri war „schutzlos ausgeliefert“
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22:12 28.02.2017
Staatsanwalt Niels-Broder Greve hatte sechs Jahre Haft und Unterbringung in der Psychiatrie beantragt. Ramona R. kommt aber ins Gefängnis. Quelle: Foto: Latz
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Eutin/Lübeck

Es gab diverse emotionale Szenen in diesem Verfahren. Doch die Urteilsverkündung im Prozess um den Tod des kleinen Juri aus Eutin geht an diesem Dienstag überraschend ruhig über die Bühne. Achteinhalb Jahre Haft wegen Totschlags, weil sie ihren damals zwei Jahre und neun Monate alten Sohn erdrosselte: Ramona R. nimmt diesen Richterspruch reglos zur Kenntnis. Die 34-Jährige trägt die Haare in auffälligen, eng an den Kopf geflochtenen Zöpfen. Mit verschränkten Armen sitzt sie neben ihrem Verteidiger Andre Vogel, der sie zuvor abgeschirmt hat, als im Saal gefilmt wurde.

„Wer nur Ausschnitte dieses Verfahrens erlebt hat und die wiederholten Ausbrüche der Angeklagten in Tränen“, beginnt der Vorsitzende Richter Christian Singelmann, „der fragt sich, ob es sein kann, dass diese Frau ihr Kind umgebracht hat.“ Diese zentrale Frage sei durch die Beweisaufnahme klar beantwortet. Singelmann geht auf das „problematische Aufwachsen“ von Ramona R. ein, auf Zeiten in der Jugendpsychiatrie, in Frauenhäusern, in Obdachlosenunterkünften. Auf die beiden älteren Kinder, die ihr vom Jugendamt weggenommen wurden, und auf das generelle Verhalten der Angeklagten, laut Gutachterin „kindisch, strukturlos“. Ramona R. könne „auf Knopfdruck“ weinen und weise eine „emotionale Teilleistungsstörung“, aber keine nennenswerte Intelligenzminderung auf.

Juri sei in seiner Entwicklung leicht zurückgeblieben gewesen, fährt Singelmann fort, ein lebhaftes Kind mit Verdacht auf Hyperaktivität. Im Umgang mit ihm habe Ramona R. zwei Seiten gezeigt: „Wenn andere dabei waren, gab sie sich als fürsorgliche Mutter.“ Ansonsten sei sie jedoch „auf sich selbst fixiert“ gewesen, habe meist bis 10 oder 11 Uhr geschlafen und viele Stunden des Tages am Handy verbracht. Mit Juri habe sie meist im Befehlston gesprochen. Der Richter beschreibt die Demütigungen und Misshandlungen, die das Kind aushalten musste. Schwer erträglich sind die Schilderungen von Beleidigungen wie „Mistvieh“ und „Missgeburt“, vom Einsperren Juris auf der Toilette über zwei Stunden lang, vom „Horrorsport“ in Form eines quälenden „Hinsetzen-Aufstehen-Spiels“

und davon, dass Juri, als er sich an seine Mutter kuscheln wollte, von ihr mit den Worten „Verpiss dich“ eine Ohrfeige bekam. „Juri war ihr schutzlos ausgeliefert“, sagt der Richter.

Die Überforderung von Ramona R. führte zum Streit mit dem neuen Lebensgefährten. Am Abend von Juris Tod schrieb sie an den Mann, der zur Urteilsverkündung nicht erschienen ist, per Handy: „Ich würde alles für dich tun, sogar sterben.“ Mindestens drei Minuten lang soll Ramona R. den Kinderschlafsack im Halsbereich so verdreht haben, dass Juri erstickte.

„Es gibt keine Anhaltspunkte für einen Unfall“, sagt Singelmann.

Ein so strenges Urteil habe er nicht erwartet, meint im Anschluss Rechtsanwalt Vogel, der sich eine Revision „ausdrücklich“ vorbehält. Juris leiblicher Vater, der als Nebenkläger aufgetreten ist, zeigt sich zufrieden. „Bei einer Haftstrafe unter sechs Jahren wäre ich in Revision gegangen“, erklärt er. Er warte nicht mehr darauf, dass Ramona R. ihm ihr Bedauern über Juris Tod ausdrückt. „Das ist diese Verdrängung im Kopf“, meint der 38-Jährige resigniert, „sie glaubt wohl mittlerweile selbst, dass sie es nicht gewesen ist.“ latz

LN

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