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Ostholstein Kind von Auto erfasst: Fahrerin wegen fahrlässiger Tötung verurteilt
Lokales Ostholstein Kind von Auto erfasst: Fahrerin wegen fahrlässiger Tötung verurteilt
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04:04 14.03.2018
Das Amtsgericht Oldenburg verhängte eine Verwarnung mit Strafvorbehalt - eine Art Geldstrafe auf Bewährung. Quelle: Binder (LN-Archiv)
Heiligenhafen/Oldenburg

Das Amtsgericht Oldenburg verhängte eine sogenannte Verwarnung mit Strafvorbehalt – eine Art Geldstrafe auf Bewährung. Die festgelegten 80 Tagessätze à 50 Euro muss die junge Frau nur zahlen, falls sie sich innerhalb der kommenden zwei Jahre „Bewährungszeit“ etwas zu Schulden kommen lässt. Unabhängig davon muss sie 1500 Euro an die Lübeck-Hilfe für krebskranke Kinder spenden.

Beim Strafmaß habe er die unterste Stufe angesetzt, erklärte Richter Thore Böttger. „Niemand möchte mit Ihnen tauschen“, sagte er in Richtung der Angeklagten. Dennoch hätte die junge Frau aus seiner Sicht „anders reagieren und schon früher bremsen müssen“. Die Verkehrslage sei unklar gewesen; sie „hätte nicht darauf vertrauen dürfen, dass das Kind am Straßenrand stehenbleibt“.

Keiner habe damit gerechnet, dass das Mädchen plötzlich auf die Straße laufen würde

Leni hatte mit ihrer Familie offenbar auf eine Gelegenheit gewartet, die Straße zu überqueren. So hatten es auch die Mitfahrerinnen der Hamburgerin wahrgenommen. Keine von ihnen habe jedoch damit gerechnet, dass das Mädchen plötzlich „aus dem Nichts“ lossprinten würde, ohne auf den Verkehr zu achten.

Dekra-Gutachter Florian Müller zufolge fuhr das Auto zum Zeitpunkt der Kollision vermutlich zwischen 40 und 55 km/h. Erlaubt waren damals 50 – mittlerweile wurde der Steinwarder zur Tempo-30-Zone erklärt und auch Zebrastreifen wurden eingerichtet. „Die hätte es damals schon gebraucht“, so Richter Böttger. Bei einem Tempo bis zu 31 Stundenkilometern wäre der Unfall laut Sachverständigem vermeidbar gewesen.

"Ich wünschte, ich wäre an diesem Tag woanders gewesen"

Es vergehe kein Tag, an dem sie nicht an das Geschehen denke, sagte die Angeklagte, die bei ihrem Schlusswort in Tränen ausbrach. „Ich wünschte, ich wäre an dem Tag woanders gewesen“, so die junge Frau, „aber jetzt sitze ich hier, obwohl ich mich an alle Regeln gehalten habe.“ Für Lenis Eltern „tut es mir wahnsinnig Leid – niemand sollte so etwas erleben“.

Auch Staatsanwalt und Verteidiger zeigten sich emotional berührt vom Inhalt des Verfahrens. „Der Verlust eines Kindes ist durch nichts wiedergutzumachen“, sagte Rechtsanwalt Christian Müller. Im Gerichtsverfahren gehe es aber allein um die Frage, ob seiner Mandantin ein Vorwurf gemacht werden könne – „und ich sage ,Nein’“. Im Straßenverkehr gelte auch für Kinder solange der „Vertrauensgrundsatz“ – sprich: die Annahme, dass sich andere Verkehrsteilnehmer richtig verhalten – bis „ein auffälliges Verhalten erkennbar“ sei. Im aktuellen Fall habe die Autofahrerin nicht mit einer gefährlichen Situation rechnen müssen.

Staatsanwalt Philipp Marioth vertrat derweil die Auffassung, dass die Angeklagte „schneller gefahren ist, als es die Situation zugelassen hätte“. Auch er sprach jedoch von einem „geringen Maß des Verschuldens“.

Richter Böttger folgte mit seinem Urteil im Großen und Ganzen dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Er habe sich gegen eine Bewertung nach dem Jugendstrafrecht – wie bei Angeklagten unter 21 Jahren möglich – entschieden, weil es bei der jungen Hamburgerin „keinerlei Anzeichen für eine verzögerte Entwicklung“ gebe. „Das ist eigentlich etwas Wunderbares“, betonte er, die Angeklagte sei nur durch ein tragisches Unglück im Gerichtssaal gelandet. Er wünsche ihr alles Gute dafür, das Geschehene zu verarbeiten.

Gegen das Urteil können eine Woche lang Rechtsmittel eingelegt werden.

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