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Kunst macht das Grauen des Euthanasie-Programms sichtbar

Neustadt Kunst macht das Grauen des Euthanasie-Programms sichtbar

Hannah Bischof möchte ihrer Großmutter die Würde zurückgeben – Die eindrucksvollen Bilder sind vom 3. Juli an in Neustadt zu sehen.

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Hannah Bischof mit dem ersten Bild. Die Mühle steht für Maria Fenskis Elternhaus.

Neustadt. Maria Fenski stirbt am 7. August 1942. Um 18.30 Uhr wird ihr Tod festgestellt. So ist es in einer Akte der Landesanstalt Neuruppin vermerkt. Der Grund:

 

LN-Bild

Maria Fenski, geborene Eissing.

Quelle: Fotos: Ser

Herzmuskelerkrankung. Eine Woche vor ihrem 38. Geburtstag endet das Leben der dreifachen Mutter.

„Sie wurde ermordet, ist verhungert und wog am Ende nur noch 42 Kilo. Das ist typisch für so eine Art der Erkrankung“, sagt Hannah Bischof (56). Nach langer Recherche haben sie und ihre Schwester herausgefunden, was der Großmutter widerfahren ist. Ein Teil dieser Geschichte ist ab dem 3. Juli in einer Kunstausstellung im Neustädter Hans- Ralfs-Haus zu sehen.

Besucher betrachten zunächst einige Schwarz-weiß-Fotografien. Auch Maria Fenski ist zu sehen – als junge Frau. Es folgen Aufnahmen, die auf die „T-4-Aktion“ hinweisen. Hinter dieser Bezeichnung verbirgt sich die systematische Ermordung Zehntausender Menschen mit psychischen und physischen Erkrankungen. Eines der Opfer ist Maria Fenski.

Dass die Geschichte der Frau aus Papenburg an der Ems nun erstmals öffentlich anhand von Kunstwerken in Neustadt erzählt wird, hängt mit persönlichen Kontakten Hannah Bischofs zusammen. Eine andere, schwerwiegendere Verbindung zu Neustadt findet sich in der Geschichte des Ameos-Klinikums. 1001 Patienten der früheren Landesheilanstalt wurden Opfer des Euthanasie-Programms. Sie galten ebenso wie Maria Fenski aufgrund ihrer Erkrankung und Herkunft als minderwertig. Hannah Bischof erzählt während des Aufbaus der Ausstellung, dass sie lange Jahre nicht wusste, dass sie noch eine Oma hatte. Ihr Großvater hatte ein zweites Mal geheiratet. „Erst später wurde darüber gesprochen. Aber das Wort ,Mord’ hat niemand benutzt“, erinnert sie sich.

Nach dem Mauerfall hat ihr Vater mit Nachforschungen begonnen. Später ist dann auch die Schwester aktiv geworden und stieß etwa 2005 auf die eingangs genannten Akten. „Unsere Großmutter war wohl schizophren. Nach heutigem medizinischen Befund hätte sie wohl normal leben können. Ich war völlig geschockt“, so Hannah Bischof.

Mit den zwischen 2011 und 2015 entstandenen Werken möchte sie ihre Großmutter wieder sichtbar machen, ihr die entrissene Würde zurückgeben. Die Werke sind meist gegenständlich, manchmal nah an der Grenze zum Abstrakten. Auffällig: Häufig sind Gebäude zu sehen. Sie stehen meist für mächtige Institutionen, die Macht haben, den Willen nehmen und das Leben von Maria Fenski dominieren. Der Betrachter hat das Gefühl, die Schrecken der Anstalten zu sehen, in denen Fenski seit ihrem 17. Lebensjahr immer wieder untergebracht war. Zunächst wegen „Jugendirrsinns“, dann aufgrund einer „Wochenbettpsychose“ und schließlich wegen einer „Paranoiden Psychose“ – so geht es aus den Unterlagen hervor, die Hannah Bischof mit ihrer Schwester zusammengetragen hat.

Vernissage am 3. Juli – Ausstellung ist eine „politische Botschaft“

Die Ausstellung mit dem Titel „Von Papenburg nach Neuruppin – Zyklus für Maria“, sind ab Sonntag, 3. Juli, im Neustädter Hans-Ralfs-Haus für Kunst und Kultur auf dem Ameos-Gelände zu sehen. Die Vernissage beginnt um 11.30 Uhr. Neben Grußworten von Sylvia Blankenburg (Arbeitskreis Cap Arcona) wird die Künstlerin selbst eine Einführung in ihre Ausstellung geben.

Bis 29. Juli können die Werke betrachtet werden. Der Ausstellungsraum ist montags bis donnerstags von 9 bis 16 Uhr, freitags von 9 bis 14.30 Uhr sowie sonntags von 14 bis 16 Uhr geöffnet.

Hannah Bischof wurde 1960 in Berlin geboren. Dort und in Freiburg studierte sie neben Jura und Germanistik auch Geschichte, Philosophie, Anglistik und Betriebswirtschaft. Nach dem zweiten Staatsexamen eröffnete sie eine eigene Kanzlei und war bis Dezember 2008 als Anwältin aktiv. Anschließend fasste sie den Entschluss, als freie Malerin zu arbeiten. Sie bezeichnet sich selbst als Autodidaktin und die aktuelle Ausstellung als „politische Botschaft“. „Jedes Leben ist gleich viel Wert. Man darf es nicht zerstören, unabhängig von Krankheit, sexueller Identität und politischer Überzeugung.“

Sebastian Rosenkötter

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