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Ostholstein Landwirte setzen auf mehrere Standbeine
Lokales Ostholstein Landwirte setzen auf mehrere Standbeine
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23:00 15.01.2014
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Beschendorf

Um das Jahr 1950 herum war Nienrade ein landwirtschaftlich geprägtes Dorf mit 29 Höfen. Heute leben nur noch auf zwei dieser Höfe Menschen hauptberuflich von der Landwirtschaft. Dazu gehören Lutz und Kirsten Schlünzen mit ihrem Sohn Rayk. Um den Betrieb zu erhalten, haben sie sich mehrere Standbeine geschaffen. Auf 245 Hektar Ackerland bauen sie Raps, Weizen und etwas Gerste an. Die Maschinen teilen sie sich mit einem Betrieb in Neukirchen. „Dadurch können wir uns hochwertigere Geräte und Fahrzeuge leisten, als sonst bei unserer Betriebsgröße möglich wären“, sagt Rayk Schlünzen. Der 28-Jährige hat in Flensburg Agrarwirtschaft studiert und ist dann auf den Hof seiner Eltern zurückgekehrt.

Zweites Standbein sind die rund 1500 Legehennen, die auf dem Hof in Bodenhaltung leben. Die Eier vermarktet die Familie direkt. Lutz Schlünzen liefert sie zu Geschäften in Oldenburg, Neustadt und Lensahn. Außerdem gibt es einen kleinen Hofladen. Dort herrscht Selbstbedienung, Wechselgeld liegt für die Kunden bereit. Dadurch müsse keine Verkäuferin eingestellt werden, sagt Kirsten Schlünzen.

Wer möchte, kann einen Blick in den Stall werfen. „Das schafft Vertrauen“, sagt ihr Sohn Rayk. Und das sei heutzutage enorm wichtig.

„Wir haben unsere Nische gefunden“, so Lutz Schlünzen. Es sei eine Lösung, die in diesem Fall sehr gut funktioniere, berichtet Holger Schädlich, Geschäftsführer des Kreisbauernverbands, beim Hofgespräch in Nienrade. „Aber nicht jeder kann diesen Weg wählen.“ Denn das Kundenpotenzial auf dem Land sei beschränkt. Höfe in Stadtnähe hätten es da aufgrund des größeren Einzugsgebiets deutlich leichter. „Es macht für uns deshalb auch keinen Sinn, mehr als 1500 Legehennen zu halten, obwohl wir genügend Platz dafür hätten“, sagt Lutz Schlünzen. „Denn wir würden die Eier nicht loswerden.“

Und sie an die Industrie zu verkaufen, sei wenig lukrativ. Schlünzen: „Dadurch würden wir gerade einmal das Futtergeld wieder hereinbekommen.“

Außer den Legehennen hält Familie Schlünzen zwei Ponys, Kaninchen, Ziegen und Schweine. Die Landwirte haben sie für ihr drittes Standbein angeschafft: die Urlaubsgäste. Fünf Ferienwohnungen gibt es auf dem Hof. „Menschen, die aus der Stadt kommen, erwarten einfach Schweine auf einem Bauernhof“, sagt Rayk Schlünzen.

Viele Landwirte machen es inzwischen so wie Familie Schlünzen und schaffen sich zusätzliche Einnahmequellen. 2007 traf das auf jeden fünften Betrieb zu, nach den neuesten Zahlen aus dem Jahr 2010 bereits auf jeden dritten. In Ostholstein nutzen die Landwirte dafür laut Statistischem Bundesamt überwiegend den Fremdenverkehr. „Auf Fehmarn hat fast jeder Betrieb auch Ferienwohnungen“, sagt Klaus-Dieter Blanck. Der Vorsitzende des Kreisbauernverbands ist selbst Landwirt in Bojendorf und nimmt auch Urlaubsgäste auf. Ansonsten ist in vielen Kreisen Schleswig-Holsteins die Reitsportpferdehaltung sehr weit verbreitet. In Westdeutschland produzieren die Landwirte als zweites Standbein vor allem erneuerbare Energien.

Grundsätzlich sei die Stimmung in der Landwirtschaft zurzeit gut, betont Schädlich. Es gebe aber auch Grund zur Sorge, sagt Lutz Schlünzen. „Wir wurden in der Bevölkerung immer akzeptiert. Aber nun wird das mehr und mehr in Frage gestellt. Wie fragen uns, wie wir dagegensteuern sollen.“ Im vergangenen Jahr haben einige Bauern in Ostholstein versucht, mit Radiospots ihr Image aufzupolieren. „Die Aktion läuft noch weiter, aber zurzeit werden keine Spots gesendet“, sagt Schädlich. Sie seien kaum zu finanzieren.

Kreisbauernverband rechnet 2014 mit viel Arbeit
Beim Hofgespräch in Nienrade hat Klaus-Dieter Blanck (kl. Foto), der Vorsitzende des Kreisbauernverbands, einen Ausblick auf das Jahr 2014 gegeben. Größtes Problem für die Landwirte werde die Bereitstellung von Ausgleichsflächen. „Uns erwarten gleich drei große Bauprojekte auf einen Schlag: die Fehmarnbeltquerung, die 380-Kilovolt-Höchstspannungsleitung und die Einrichtung von Windparks“, sagte er. Dadurch könnten den Bauern rund 2000 Hektar Land entzogen werden. „Das wird uns erheblich belasten“, sagte der Fehmaraner. „Die Flächen gehören zu den produktivsten und hochwertigsten der Erde. “
Ein weiteres Thema, das den Verband beschäftigen werde, sei das neue Nährstoffmanagement. „Ziel der Politik ist es, die Gülleausbringung im Herbst zu reduzieren und mehr ins Frühjahr zu verschieben“, sagte Blanck. „Für die Landwirtschaft würde das bedeuten, dass wir viel mehr Aufbewahrungsbehälter benötigen.“ Zudem sei es schwierig, im Frühjahr den richtigen Zeitpunkt fürs Ausfahren der Gülle zu finden. „Gemeinden, Wasser- und Luftschützer haben in diesem Punkt völlig unterschiedliche Vorstellungen.“
Zudem vollziehe sich ein Strukturwandel. Die Maschinen würden leistungsfähiger, die Schweineställe größer und Milchviehhalter investierten zunehmend in Melkroboter. Zwei sind in Ostholstein bereits in Betrieb. Blanck: „Das ist eine enorme Erleichterung für die Bauern, weil sie zeitlich nicht mehr so gebunden sind.“
Sorgen bereitet den Landwirten das milde Wetter. „Sonst haben wir im November/Dezember den ersten Frost“, sagte Blanck. „Dann entwickeln die Pflanzen eine Winterhärte.“ Jetzt wüchsen sie völlig ungeschützt. Wenn nun plötzlich Frost komme, könne das fatale Auswirkungen haben. Blanck: „Uns bleibt nichts anderes übrig, als abzuwarten, wie sich der Winter entwickelt.“ jd

Janina Dietrich

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