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Ostholstein Lesen lernen: Mutmacher für erwachsene Analphabeten
Lokales Ostholstein Lesen lernen: Mutmacher für erwachsene Analphabeten
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20:27 31.08.2016
Agnieszka Jaworski vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung will mit Vorurteilen gegenüber Analphabeten aufräumen.

„Ich habe meine Brille vergessen.“ „Meine Hand ist verstaucht.“ Menschen mit Problemen beim Lesen und Schreiben hätten häufig jahrelange Erfahrung mit derlei Täuschungsmanövern, erklärt Agnieszka Jaworski vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung. Vielen seien die eigenen Schwächen unangenehm; die Betroffenen versuchten deshalb häufig, sie zu vertuschen. Dabei sei der funktionale Analphabetismus – bei dem zwar Grundkenntnisse vorhanden sind, diese jedoch nicht für schwierigere Wörter oder Texte reichen – viel weiter verbreitet, als die meisten dächten: Mehr als sieben Millionen Erwachsene in Deutschland könnten nicht richtig lesen und schreiben, sagt Jaworski.

„Alfa-Mobil“ informierte in Oldenburg über kostenfreie Angebote – Viele Kurse im Kreis.

Weitere Infos zu den kostenfreien Kursen gibt Adrienne Rausch (☎ 04361 /5083917). Wer Betroffene kennt, wird gebeten, sie auf das Angebot aufmerksam zu machen.

Zusammen mit ihrem Kollegen Michel Greulich ist die junge Frau gestern mit dem „Alfa-Mobil“ nach Oldenburg gekommen. Das Ziel des Duos: mit Vorurteilen aufräumen, Betroffenen Mut zusprechen – und vor allem auf die kostenfreien Bildungsangebote aufmerksam machen, von denen es auch in Ostholstein viele gibt. Neben entsprechenden Kursen an der Oldenburger Volkshochschule werden weitere Programme im Rahmen des Alphabetisierungs-Projektes auch in Heiligenhafen, Neustadt, Eutin und Sereetz organisiert.

Koordinatorin Adrienne Rausch hofft, das – aus ESF- und Landesmitteln finanzierte – Projekt durch das Info-Mobil bekannter zu machen. Ihre vorläufige Bilanz fällt gestern Mittag positiv aus: „Wir haben schon einige gute Unterhaltungen geführt“, erzählt sie.

Mit etwa 30 Männern und Frauen seien sie bisher ins Gespräch gekommen – das sei ein ganz guter Schnitt, bekräftigt Agnieszka Jaworski. Das seien zwar natürlich nicht alles Betroffene gewesen. In der Regel verbreiteten sich die Infos auf diese Weise jedoch auch im Nachhinein noch weiter. Und auf eben diese Mundpropaganda seien sie angewiesen, betont Jaworski, weil man die Zielgruppe nunmal nicht über die üblichen – häufig schriftlichen – Wege erreiche.

Aus diesem Grund hätten sie als Standort für das „Alfa-Mobil“ auch den Marktplatz ausgesucht: „Wir brauchen belebte Stellen mit möglichst vielen Passanten.“ Dadurch könnten sie hoffen, dass möglichst viele Menschen Info-Material mitnähmen und an Betroffene aus ihrem Bekanntenkreis weiterreichten. Dieses Plus wiege schwerer als die Möglichkeit, dass jemand davor zurückscheuen könnte, sich an einem öffentlichen Platz zu „outen“. Abgesehen davon „müssen wir auch erstmal gesehen werden“, fügt Jaworski hinzu – schließlich sei die Chance, dass Betroffene im Vorfeld eine Ankündigung gelesen hätten, ja ebenfalls gering.

Bei den Gesprächen selbst sei derweil Fingerspitzengefühl gefragt, sagt Michel Greulich. Das Thema sei für viele unangenehm; es sei wichtig, ihnen die Scheu zu nehmen. Die Bandbreite der Betroffenen reiche von 18-Jährigen bis zu Rentnern und es gebe keineswegs den einen bestimmten „Prototypen“ – es hätten schon Menschen vor ihm gestanden, „von denen man niemals denken würde, dass sie Probleme beim Lesen oder Schreiben haben könnten“.

„Da ist noch jede Menge Potenzial innerhalb unserer Gesellschaft“, ist Oldenburgs Bürgermeister Martin Voigt (parteilos) überzeugt. Es sei wichtig, dass möglichst viele Menschen von dem Alphabetisierungs-Projekt erführen, damit sie ihre Fähigkeiten ausbauen könnten. Und Erfolgserlebnisse ließen in der Regel auch nicht lange auf sich warten, erzählt Projekt-Koordinatorin Rausch. Sie freue sich zum Beispiel immer wahnsinnig, wenn ein Kursteilnehmer zum ersten Mal den Mut aufbringe, eine SMS zu verschicken. Gerade die Gemeinschaft innerhalb der Gruppen sei dabei eine große Hilfe:

„Das Selbstbewusstsein der Betroffenen wird unheimlich gestärkt, wenn sie erst einmal merken, dass sie mit ihrem Problem nicht alleine sind.“

Jennifer Binder

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