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Masche für Masche aus der Traurigkeit

Eutin Masche für Masche aus der Traurigkeit

Hilfe für Susanne Tschinkel / Zahl der Depressionserkrankungen steigt / Lange Wartelisten bei Therapieplätzen.

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Wenn gar nichts mehr geht, hilft das Stricken. So versucht Susanne Tschinkel dann einen Ausweg aus den immer wiederkehrenden Gedanken, die sie gefangen nehmen, zu finden.

Quelle: Alessandra Röder

Eutin. Eutin. Selbst an ihrer eigenen Hochzeit konnte sie keine Freude empfinden. Obwohl eigentlich alles perfekt war. Doch diese innere Leere war auch an ihrem großen Tag da — der Kloß im Hals und das Bedürfnis, sich zu verkriechen. Sie spürt keine Lebensfreude und hat Probleme, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Susanne Tschinkel leidet seit 13 Jahren an Depressionen.

Jahrelang hat sie versucht, die Krankheit zu verdrängen und mit niemanden darüber gesprochen, bis sie schließlich zusammenbrach. Heute ist sie Patientin in der Ameos-Klinik in Eutin.

„Depression ist immer noch ein Tabu-Thema“, sagt deren Leiterin Claudia Kostrzewa-Penthin. Tschinkel möchte als Betroffene dieses Tabu brechen.

„Wenn ich mir keine Hilfe geholt hätte, wäre ich heute nicht mehr da“, sagt sie. Die Krankheit ist bei ihr genetisch veranlagt. Auch ihre Mutter litt an Depressionen. Die Krankheit brach bei Susanne Tschinkel aus, als sich ihre Mutter deshalb das Leben nahm. Sie gibt sich selbst die Schuld an dem Suizid. „Seitdem habe ich nur noch funktioniert“, sagt die heute 41-Jährige. Jahrelang habe niemand etwas gemerkt. So lange, bis sie vor drei Jahren eines Morgens den Kopf auf den Schreibtisch sinken ließ und nicht aufhören konnte zu weinen. Sie besuchte Psychiater und ließ sich in verschiedene Kliniken einweisen. Momentan ist sie in Behandlung bei der Ameos-Klinik in Eutin.

Nach deren Eröffnung vor gut einem Jahr haben sich dort bereits 150 Patienten behandeln lassen. Doch der Bedarf ist eigentlich viel höher, berichtet Klinikleiterin Kostrzewa-Penthin. „Wir haben lange Wartelisten. Momentan warten Patienten vier Wochen auf einen Therapieplatz.“ Die Ärztin stellt fest, dass bei immer mehr Menschen eine Depression diagnostiziert wird. Ob das daran liegt, dass tatsächlich mehr Menschen durch veränderte Lebensbedingungen erkranken oder die Krankheit durch steigende Akzeptanz und mehr Wissen öfter von den Ärzten festgestellt wird, könne sie nicht sagen. „In einem Flächenland wie Ostholstein gibt es auf jeden Fall zu wenig Hilfe.“ Susanne Tschinkel hatte Glück. Sie bekam einen der raren Plätze. Ihren Job als Krankenschwester musste sie jedoch aufgeben.

„Ich bin jetzt Frührentnerin und kann mir momentan nicht vorstellen, in meinen Beruf zurückzukehren“, sagt sie.

Viele Menschen könnten nicht verstehen, was eine Depression bedeute. „Auch eine Psychiaterin setzte mich enorm unter Druck, weil sie mir nicht glaubte“, sagt Tschinkel. „Aber es gibt Tage, da schaffe ich es nicht mal, mir die Zähne zu putzen.“ Wenn das Gedankenkarussell sie gefangen nimmt, versucht sich Tschinkel durch S---tricken oder das Computerspiel Farmville abzulenken. Sie ist bei Level 130.

Sie wollte lange Zeit selbst nicht wahrhaben, was mit ihr los sei. „Ich habe mich immer wieder gefragt, warum ich?“ Alles wurde für sie zur Mutprobe. Selbst der Gang zum Supermarkt. „Am liebsten hätte ich mich nur noch in meinem Bett verkrochen. Das war meine schützende Burg “, sagt sie. Durch die Therapie konnte sie ihre Krankheit besser annehmen. In der Ameos-Klinik hätten sich Freundinnen gefunden, die sich gegenseitig stützen. Tschinkel: „Ich kann nur allen Betroffenen sagen, sprecht mit eurer Familie darüber und lasst euch helfen.“

„Wenn ich mir keine Hilfe geholt hätte, wäre ich heute nicht mehr da.“
Patientin Susanne Tschinkel

Alessandra Röder

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