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Ostholstein „Mein Vater stand vor der Gaskammer“
Lokales Ostholstein „Mein Vater stand vor der Gaskammer“
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20:23 02.11.2017

Du wirst von vielen Veranstaltern gerne als Großneffe des weltberühmten Django Reinhardt angekündigt. Ein Fluch oder ein Segen?

Lulo Reinhardt, Sinto aus Koblenz und weltweit tourender Jazz-Gitarrist. Auf Fehmarn spielte er mit drei anderen Musikern in der „Nacht der Gitarren“. Die Tour startete in Rotterdam und endet in der Schweiz. Quelle: Foto: Gjs

Lulo: Ich kann gut damit leben. Durch den Namen wurden mir alle Türen geöffnet. Aber wer nur in große Fußstapfen tritt, hinterlässt selbst keine anderen.

Du spielst seit frühester Kindheit Musik. Wie fing das an?

Als ich fünf war, gab es nur Django. In meiner Familie machen fast alle Männer Musik. Die Frauen tanzen und singen. Früher habe ich in der Band meines Vaters mitgespielt. Der hat sich aber auch für ganz andere Musik interessiert. Heute habe ich meine eigene Band.

Mit welchem Anspruch?

Ich habe keine große Lust mehr, nur Django zu covern. Ich mache mein eigenes Ding, Gipsy-Jazz und Latin-Swing. Aber ohne Django würden wir hier alle nicht sitzen. Vor fünf Wochen habe ich in Wiesbaden den neuen Kinofilm über Django vorgestellt. Ein toller Film.

Jetzt tourst du mit der „Nacht der Gitarren“ durch Europa.

Ich bin schon seit 2009 bei der „International Guitar Night“ in den USA dabei. Brian Gore, der das Festival vor 23 Jahren gegründet hat, hat mich gefragt, ob ich die Deutschland-Tour übernehme.

Ich weiß, dass ich Bands leiten kann. Jetzt bin ich der Tourmanager.

Ist das so einfach mit vier ganz unterschiedlichen Gitarristen?

Erst haben wir uns gegenseitig Stücke zugeschickt, dann erst haben wir uns richtig kennengelernt und zusammen geprobt. Doch jeder bringt auch seinen eigenen Stil mit auf die Bühne.

Du lebst in Koblenz. Welche Probleme haben Sinti und Roma heute in Deutschland?

Ich bin ein Sinto. Wir Sinti sind ganz offiziell anerkannt als Minderheit, wie Schlesier oder Ostfriesen.

Das Wort „Zigeuner“ nutzen aber manche Menschen immer noch?

Seit der Flüchtlingswelle verschärfen sich die Probleme wieder. Es sind jedoch die Roma, die aus den Balkanländern hierher gekommen sind, nicht die Sinti. Es ist aber kein schönes Gefühl, wenn heute AfD oder NPD wieder mit Begriffen wie „Zigeunerplage“ auftreten. Dass man das Wort „Zigeuner“ nach 1939 überhaupt wieder benutzen darf, ist für mich unbegreiflich.

Wie ist es deiner Familie im Nazi- Deutschland ergangen?

Mein Vater war im KZ. Zehn Minuten später – und er hätte Auschwitz nicht überlebt. Und mich würde es nicht geben.

Magst du erzählen, wie das war?

Er stand schon vor der Gaskammer. Dann kamen die Russen. Sein Bruder war bereits drin, nur zwei haben sie lebend rausgeholt. Ihn und einen Juden. Anfangs wurden „Juden“ und „Zigeuner“ noch getrennt, später haben sie sie alle zusammen vergast.

Das arbeitest du auch in deiner Musik auf?

Ja, ich selbst habe vor ein paar Jahren in Dachau gespielt.

Deine Familie war und ist in der SintiBewegung aktiv, vor allem dein verstorbener Vater. Wie und wann wurdest du damit konfrontiert?

Meine Familie lebt seit Langem in Deutschland. Die ersten Sinti, die 1407 in Heilbronn auftauchten, erhielten einen Schutzbrief, mussten aber einen deutschen Namen annehmen. Eigentlich hießen wir „Delhi“ und nicht „Reinhardt“.

Wie erging es dir als Kind?

1968, als ich zur Schule kam, wurde ich erstmals damit konfrontiert, dass ich einen deutschen Vornamen habe. Bis dahin wusste ich gar nicht, dass ich „Bernhard“ heiße. Ich war doch der „Lulo“.

Seit ein paar Jahren steht das auch in meinem deutschen Pass.

Spielt das auch in deinen Filmen eine Rolle?

Mein erster Film behandelt die Nomadenkultur in Marokko. 2018 drehe ich schon den dritten Film und gehe dann mit meinem Film-Team über die Ukraine, Armenien und Ägypten bis zu unseren Wurzeln zurück. Die liegen in Indien. Für die Sinti, die Roma und die Romanes, die in Spanien unter Franco gelitten haben. Vorher spiele ich in Kalkutta eine CD mit indischen Musikern ein.

Du selbst gehörst zu den Sinti?

Ja, ich bin ein Sinto. Ich habe aber keine Probleme, ein Schwager ist Roma. Sie haben es in Deutschland schwer, auch als Straßenmusiker. In vielen Städten dürfen sie nur zehn Minuten bleiben und müssen dann weitergehen.

Etwas Lustiges zum Schluss. Im Internet steht, man darf dich nicht mit Lulu Reinhardt verwechseln.

Lulu war ein französischer Gitarrist, er ist leider schon verstorben.

Gehörte er auch zur Familie?

Ja, aber ganz weit entfernt. Aber er hat auch oft Django gespielt. (Lulo lacht) Ich habe sogar mit ihm zusammen gespielt. Lulo und Lulu.

Zur Person

Lulo Reinhardt wurde 1961 geboren und ist ein weltweit renommierter deutscher Jazzgitarrist aus Koblenz.

Noch bis zum 10. November ist er mit den Gitarristen Calum Graham (Kanada), Michael Chapdelaine (USA) und Dr. Marek Pasienczny (Polen) mit der „Nacht der Gitarren“ auf Europatour.

Großonkel Django Reinhardt (1910-1953) war als Jazzgitarrist und Komponist ein Musiker von Weltrang. Bis heute fasziniert eine große Fan-Gemeinde seine virtuose Spieltechnik – trotz schwerster Verletzungen nach einem Wohnwagenbrand.

Interview: Gerd-J. Schwennsen

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