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„Meine Vorbilder waren schon immer Schmidt und Brandt“

Heiligenhafen „Meine Vorbilder waren schon immer Schmidt und Brandt“

Heiligenhafens SPD-Urgestein Gerhard Poppendiecker befindet sich auf der Zielgeraden seiner politischen Laufbahn. In den LN zieht er Bilanz aus 47 Jahren.

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Gerhard Poppendiecker mit seinem SPD-Parteibuch auf der heimischen Terrasse.

Quelle: Foto: Peter Mantik

Heiligenhafen. Bei der Kommunalwahl ist er per Direktmandat bis 2018 in die Stadtvertretung eingezogen. In den LN spricht Gerhard Poppendiecker (75) über die Anfänge und darüber, was ihn heute noch politisch motiviert.

Lübecker Nachrichten : Sie sind 1966 in die SPD eingetreten. Wissen Sie noch wann genau?

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Gerhard Poppendiecker mit seinem SPD-Parteibuch auf der heimischen Terrasse.

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Gerhard Poppendiecker: Ich habe mein Parteibuch wiedergefunden. Damals war es ja noch blau. Ich bin am 6. Januar 1966 der Partei als Genosse beigetreten.

LN: Welche Motivation hatten Sie für diesen Schritt?

Poppendiecker: Wir saßen mit Freunden zusammen, nachdem die SPD eine Kommunalwahl mit einem schlechten Ergebnis abgeschlossen hatte. Wir diskutierten, bis meiner Frau Margrit der Kragen platzte und sie sagte, wir seien wie alle anderen, schwatzten nur rum und würden keine Verantwortung übernehmen. Sie hatte mich gepackt, ich ging schnurstracks zum Fraktionsvorsitzenden Richard Grapengeter, bat um die Beitrittserklärung. Ich wurde gleich in den Hafenausschuss gewählt. 1970 zog ich in die Stadtvertretung ein.

LN: Haben Sie sich eher an Helmut Schmidt oder an Willy Brandt orientiert?

Poppendiecker: An beiden. Schmidt wegen seiner Art des Machens, Brandt wegen seiner Art des politischen Gestaltens, seiner menschlichen Art. Denken Sie allein an seinen Kniefall in Polen. Dazu brauchte es Mut. Beide sind große Vorbilder. Schmidt habe ich mehrmals in Heiligenhafen getroffen, weil hier ja Hans Apel lebte, mit dem ich abends gern bei uns auf der Terrasse bei einem Bier über Politik sprach.

LN: Und was hat Ihre Frau dazu gesagt, dass Sie mit einem Mal viel auf Achse waren?

Poppendiecker: Sie stand dahinter, wir haben uns da abgestimmt. Sie war auch oft dabei. Und in den knapp 18 Jahren als Landtagsabgeordneter, als mein Alltag 70-Stunden-Wochen hatte, waren uns die Urlaube als gemeinsame Zeit heilig. Manchmal wussten sogar unsere beiden Kinder nicht, wo wir waren.

LN: Was hat sich in den vergangenen 47 Jahren grundlegend verändert?

Poppendiecker: Ich wünschte mir, die große Politik wäre ehrlicher. Ich denke da an den Lauschangriff auf Angela Merkel. Man hat das doch lange gewusst. Und kommunalpolitisch wünschte ich mir mehr gegenseitiges Vertrauen. Zwar haben wir hier wichtige Entscheidungen auch einstimmig gefällt, worauf ich stolz bin, doch war es früher gemütlicher, haben wir auch nach Sitzungen noch zusammen gesessen.

LN: Was sagen Sie als Politiker mit Haut und Haar dazu, dass bei der konstituierenden Stadtvertretersitzung eine Stadtvertreterin wegen Urlaubs fehlte?

Poppendiecker: Das habe ich in all den Jahren erstmalig erleben müssen. Das hat mich erschüttert, da fehlt mir jegliches Verständnis. Wir werden ihr da innerparteilich auch noch ins Gewissen reden, denn uns hat dadurch eine Stimme gefehlt, das hat uns geschadet. Ich muss aber auch sagen, dass sie einen engagierten Wahlkampf geführt hat.

LN: Sie waren und sind wieder dabei. Das war lange nicht sicher, denn da war dieser 24. November.

Poppendiecker: 6.30 Uhr, ich wollte Brötchen holen und mit einem Mal ging nichts mehr. Schwerer Herzinfarkt, Uni-Klinik Lübeck, drei Bypässe, elf Tage Krankenhaus. Die Ärzte sagten, das Herz bliebe schwach und ich würde nie mehr Radfahren können.

LN: Aber Sie kommen doch gerade von einer Tour.

Poppendiecker: Ja, ich fahre auch wieder täglich im Schnitt 15 Kilometer. Mir geht es viel besser. Ich hatte aber lange mental daran zu knabbern, da ich alle Risikofaktoren von mir weisen kann. Ich habe vor 17 Jahren mein letztes Bier getrunken, habe mit 29 Jahren das Rauchen aufgegeben und wiege nur 84 Kilogramm. Ich fragte mich: Wieso ich? Das war ein Prozess. Jetzt greifen ich noch einmal an.

LN: Ihre letzte Periode als Stadtvertreter?

Poppendiecker: Definitiv. Mit 80 ist es höchste Eisenbahn aufzuhören.

LN: Was denken Sie denn, wenn Sie heute mit ihrem Fahrrad durch Ihr Heiligenhafen fahren?

Poppendiecker: Wenn wir auf der Bank an der Drachenwiese sitzen, sagt meine Frau immer: Haben wir wieder einen schönen Urlaubstag. Heiligenhafen hat vor allem dank des HVB einen enormen Schritt gemacht. Urlaub ist hier ein Genuss.

LN: Was müsste sich noch verändern?

Poppendiecker: Wir brauchen Ausbildungsplätze, vielleicht eine Disco, mehr für die Jugend.

LN: Drei Stichworte, drei Kurzantworten. Fehmarnbeltquerung.

Poppendiecker: Großer Unsinn, es werden Milliarden aus dem Fenster geworfen.

LN: Hinterlandanbindung der Bahn.

Poppendiecker: Güter gehören auf die Schiene und nicht auf die Straße. Dann aber bitte konsequent mit zwei Schienen über dem Sund.

LN: 380 kV-Leitung.

Poppendiecker: Bleibt es beim Windkraft-Aus durch die Flugsicherung, kommt auch die Leitung nicht.

Ein Leben für die Politik
Gerhard Poppendiecker, geb. 26. Dezember 1937 in Heiligenhafen; deutscher Politiker (SPD).

Werdegang: Schulabschluss; Besuch der Postfachschule, Beamter bei der Deutschen Bundespost, arbeitete als Sozialbetreuer; 1952 Mitglied der Deutschen Postgewerkschaft (seit 2001 in ver.di); 1966 SPD-Eintritt, 1970 bis 1999 Vorsitzender des Ortsvereins Heiligenhafen; dem Kreistag gehörte er von 1976 bis 1988 an; 1987 wurde er im Landtagswahlkreis Oldenburg in den Landtag Schleswig-Holsteins gewählt; das Direktmandat des Wahlkreises errang er auch 1988, 1992, 1996 und 2000; Mandat bis 2005; gehörte einer Vielzahl von Ausschüssen an, darunter dem Pallas-Untersuchungsausschuss 1999/2000.

Auszeichnungen: 1992: Bundesverdienstkreuz am Bande; 2006: Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Privat: Verheiratet, zwei Kinder.

Interview: Peter Mantik

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