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Ostholstein Mit 18 fällt Jugendhilfe weg — was dann?
Lokales Ostholstein Mit 18 fällt Jugendhilfe weg — was dann?
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22:19 06.01.2016
Katarina Cernik (CJD Eutin) im Gespräch mit Ali (21): Vor sechs Jahren floh er aus Afghanistan. Jetzt sieht er eine gute Zukunft in Deutschland — auch dank der Beratung über das 18. Lebenjahr hinaus. Quelle: Fotos: Schwennsen
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Eutin

Seine Odyssee führte ihn von Afghanistan über den Iran, die Türkei und Griechenland weiter durch halb Europa. Ali, inzwischen 21 Jahre alt, ist noch ein Kind, als er sein Heimatland verlässt. Er sieht für sich dort keine Perspektive, fühlt zudem seine Familie bedroht. Heute lebt er in Eutin. Und hat endlich eine Zukunft — sechs Jahre nach Beginn seiner Flucht.

Das ist aber keine Selbstverständlichkeit. Denn Ali ist kein Jugendlicher mehr. Mit dem 18. Geburtstag fällt er aus der Obhut der Jugendhilfe — wie jeder, ob Deutscher oder Flüchtling. Ein Dilemma für die meisten Flüchtlinge, die nach jahrelangen traumatischen Erfahrungen plötzlich wieder allein auf sich gestellt sind. „Wer in einer solchen Situation kein Netzwerk hat, droht abzustürzen“, weiß

Katarina Cernik vom Jugendmigrationsdienst des CJD Eutin.

Ali sammelt auf seiner Odyssee besonders traurige Erfahrungen. Mit stockender Stimme erzählt er, wie das kleine Schlauchboot, mit dem junge Männer zu sechst unterwegs sind, nachts kurz vor der Küste Griechenlands unterzugehen droht: „Wir schafften es, an Land zu schwimmen. Doch es ist die Hölle, alle sind klitschnass, es ist bitterkalt.“

Wenigstens helfen die Menschen auf der kleinen Insel. Es bleibt aber nur ein kleiner Strohhalm. Ali, noch immer minderjährig, muss sich jahrelang allein durchkämpfen. „Ich bin im Dschungel angekommen, und die Menschen sind wie Tiere“, so prägt es sich fest in seinem Gedächtnis ein.

Sein Wunschziel England erreicht Ali nicht. Vielleicht für ihn ein Glücksfall im Unglück. Denn auch aus der Alternative Skandinavien wird nichts. Als er mit dem Zug von Hamburg aus über die Vogelfluglinie in Richtung Norden auszureisen versucht, präsentiert sich ihm unterwegs die Insel Fehmarn von ihrer schönsten Seite. „Wieso bleibe ich nicht einfach in Deutschland?“, fragt sich Ali.

Er steigt in Puttgarden aus. Freiwillig — ausgerechnet dort, wo andere aufgegriffen werden.

Sechs Jahre sind jetzt seit seiner Flucht vergangen. Auch der Neuanfang in Deutschland ist schwer. Lübeck, Lensahn, Zarnekau — es dauert lange, bevor sich Ali zurechtfindet. Im Mai 2012 steht ihm dann ein riesiger Einschnitt bevor. Er wird 18 und damit, so Cernik, „aus der Jugendhilfe entlassen“.

Für sie ist Ali ein typisches Beispiel dafür, „dass auch ab 18 eine Begleitung stattfinden muss“. Zumindest stundenweise: „Ich habe versucht, ihm auf die Spur zu helfen“, weiß sie gut zweieinhalb Jahre später, dass dies bei Ali geklappt hat. Trotz hoher Hürden. Die erste WG außerhalb des Jugendheims scheitert. Ein zweiter Mitbewohner hinterlässt Ali Schulden und bitteres Lehrgeld. Für ihn beginnt ein mühsamer, holpriger Weg.

Ausdrücklich plädiert Cernik dafür, auch über den 18. Geburtstag hinaus weiter Hilfe anzubieten. Cernik: „Die Motivation ist bei den meisten jungen Flüchtlingen da, nur sie kennen noch nicht den harten Alltag in Deutschland, kommen damit oft nicht zurecht.“

Ihr Ansatz beim CJD ist, den jungen Menschen, kaum dass sie volljährig geworden sind, daher weiter Hilfen zur Integration oder zum schulischen Vorankommen zu bieten. „Unser Konzept ist die aufsuchende Hilfe. Sie setzt voraus, dass junge Flüchtlinge wie Ali zu uns kommen“, so Cernik.

In seinem Fall hat sich für sie der hohe Aufwand gelohnt. Ali lebt inzwischen in Eutin, spricht nahezu perfekt Deutsch, hat seinen Hauptschul-Abschluss in der Tasche und absolviert jetzt eine dreijährige Berufsausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik. „Ich habe mich für Deutschland entschieden, treffe mich inzwischen mit vielen deutschen Freunden“, erzählt er.

Sein Lebensweg hat eine neue Perspektive gefunden — fernab der Heimat, die er seit seinem 15. Lebensjahr nicht mehr gesehen hat. Kontakt gibt es nur zur Tante in Teheran. Aber auch die weiß nicht, was aus seiner Mutter und den drei Geschwistern in Afghanistan geworden ist.

Gerd-J. Schwennsen

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