Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Ostholstein Mit dem Traktor zum Großglockner
Lokales Ostholstein Mit dem Traktor zum Großglockner
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:57 24.09.2016
Ein Mann und sein Spielzeug: Mit seinem Porsche-Traktor „Typ 122, Grün, Standard“ bezwang Sven Bössow den Großglockner. Quelle: Fotos: Privat
Anzeige
Eutin/Lübeck/Osttirol

Auf die Idee, Porsche zu fahren, um sich zu entschleunigen, muss man auch erstmal kommen. Und doch ist es bei Sven Bössow, Lübecker Geschäftsmann und Sprecher der Marktbeschicker in Eutin, genau so. Sein wahr gewordener Traum „Typ 122, Grün, Standard“ ist einer der seltenen Porsche-Diesel- Schlepper – ursprünglich von der Firma Allgaier in den 1940er- und 50er-Jahren gebaut, in Zusammenarbeit mit Ferdinand Porsche perfektioniert und später von den deutsch-österreichischen Konstrukteuren übernommen. Mit dem Wechsel zu Porsche änderte sich auch die Lackierung von Grün zu Rot, „aber damals warf man ja nichts weg, die grüne Farbe wurde erstmal aufgebraucht“, sagt Sven Bössow, der inzwischen einen weiteren, roten Schlepper besitzt: den „Porsche-Diesel-Junior“ von 1960.

Den Porsche-Schleppern gehört die Leidenschaft von Sven Bössow – Sein Oldtimer meisterte die Hochalpenstraße.

Bössows „Standard“-Porsche bringt gut 30 km/h Höchstgeschwindigkeit auf die Fahrbahn, da wird die Hochalpenstraße am Großglockner zur Herausforderung. Aber seit dem Besuch der dort jährlich stattfindenden Traktor-WM wusste der Oldtimer-Fan: Da will ich hin. Am vergangenen Wochenende war es soweit. Der „Standard“ war zuvor auf den Trailer gekommen und in gemütlicher Zwei-Tages-Fahrt ging es mit der Familie – Tochter Sophie ist begeistert, wenn sie mit ihren dreieinhalb Jahren schon mal bei Papa auf dem Traktor sitzen darf – zunächst nach Zell am See.

An der Mission „Großglockner“ waren 120 Fahrzeuge des 911 (!) mitgliederstarken Porsche- Diesel-Club Europa beteiligt, neben Deutschland auch aus Frankreich, Holland oder Italien. Zur Freude von Sven Bössow kam es in Zell am See erneut zu einem Treffen mit Wolfgang Porsche, Enkel des legendären Autobauers Ferdinand Porsche. Die eingeschworenen Gemeinschaft sei bereits häufiger auf dem Gut der Familie in Wertheim zu Gast gewesen. „Wir freuen uns sehr, dass Wolfgang Porsche sich Zeit für uns nimmt. Ich habe ihn als sympathischen, freundlichen und bodenständigen Mann kennengelernt“, so der 43-Jährige, der zum Vorstand des internationalen Clubs gehört.

Am nächsten Tag war es soweit: Der Traktor-Tross setzte sich in Bewegung, Schaulustige winkten freundlich. „Das macht wirklich Spaß“, sagt Sven Bössow strahlend. Mit etwa neun km/h ging es die Hochalpenstraße hinauf. Der Langsamste fahre immer vorweg, die anderen gestaffelt hinterher. „Man muss aufpassen, dass man nicht auffährt, dann ist gleich die Haube hin.“ Doch alle luftgekühlten Prachtstücke schafften die 18- Prozent-Steigung und kamen auf über 2000 Metern heil an. „Mir fiel wirklich ein Stein vom Herzen. Ich hatte schon Angst davor, den Berg nicht hinaufzukommen.“ Glück mit dem Wetter hatte die Truppe auch: „Am nächsten Tag schneite es, dann wäre es mit dem Großglockner nichts geworden.“

Wieder zu Hause, können sich Mann und Maschine nun erholen. „Das tolle an dieser Technik ist, dass man noch selbst etwas machen kann“, sagt Sven Bössow. Dank des Clubs seien alle so vernetzt, dass bei größeren Reparaturen Ersatzteile schnell zu bekommen sind. Und sollte doch mal einer zu dicht auffahren – Spezialfirmen hätten entsprechende Reparaturbleche im Sortiment, damit die „Rotnasen“, so der Fachterminus, nicht angedellt durch die Gegend fahren.

Stark in Mitleidenschaft gezogen sind die begehrten Sammlerstücke, die nur bis 1964 gebaut worden sind, oft, wenn sie in Schuppen oder auf Bauernhöfen entdeckt werden. Sven Bössow befreite seinen „Junior“ vor zwei Jahren aus einer alten Scheune in Dänemark. Dort hatte er vier Jahrzehnte hinterm Tor auf seinen neuen Besitzer gewartet. Repariert und auf Hochglanz poliert, sieht er wieder aus wie neu. Und vielleicht geht’s ja mit ihm eines Tages nach Island, „das wäre auch noch so ein Ziel . . .“

Wissenswertes gibt’s beim Club

Der Porsche-Diesel-Club Europa mit Sitz in Bremen hat sich dem Erhalt von Traktoren mit Porsche-Motoren verschrieben, „von Allgaier und Porsche-Diesel“, heißt es auf der Homepage (www.porsche-diesel-classic.de). Bei den Mitgliedern finden sich Raritäten wie der sogenannte „Kaffee-Schlepper“. Er wurde für den Kaffeeanbau in Brasilien entwickelt. In Orange lackiert, erinnert er mit seiner schnittigen Form eher an einen Rennwagen.

 Martina Janke-Hansen

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige