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Ostholstein Mordfall Sina L.: Einblick in die Psyche des Angeklagten
Lokales Ostholstein Mordfall Sina L.: Einblick in die Psyche des Angeklagten
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22:08 18.04.2016

Um das Krankheitsbild des Angeklagten Wolfgang E. zu beurteilen, hatte sich die forensische Psychiaterin Raphaela Basdekis-Jozsa durch 2000 Seiten gearbeitet: Berichte der Ermittler, der Klinik, der Bewährungshelfer. Zudem hatte sie elf Stunden lang mit dem 62-Jährigen gesprochen, der im Sommer 2015 in Neustadt das Opfer Sina L. verfolgt, getötet und sich an ihrer Leiche vergangen haben soll. E. ist geständig.

Regungslos, die Hände vor sich ineinander verschränkt, hörte der Angeklagte zu, wie die Psychiaterin zwei Stunden lang sein Leben und seine Störungen erörterte. Seine Gewaltfantasien habe E. mit etwa zwölf Jahren entwickelt und auch schnell ausgelebt, so Raphaela Basdekis-Jozsa. Er habe alle paar Monate Mädchen überfallen, um seine paraphilen Fantasien (sexuelle Gelüste außerhalb der „Norm“) zu befriedigen. Dabei ging er stets ähnlich vor, folgte einem „Skript“. Das Töten gehörte nicht zum Ritual.

Die Expertin beschrieb vor allem E.s Leben ab 1991. Zuvor hatte dieser eine 64-Jährige nach einem gescheiterten Vergewaltigungsversuch getötet und ein neunjähriges Mädchen missbraucht. Verurteilt und im Maßregelvollzug im Ameos-Klinikum Neustadt war er wortkarg, stimmte einer hormonellen Behandlung erst im 14. Jahr zu. Dafür gab es Lockerungen im Vollzug. Im 19. Jahr habe er Probewohnen auf dem Ameos-Gelände beantragt und lebte sich dort scheinbar gut ein. Dann beantragte er, den Maßregelvollzug auf Bewährung auszusetzen — mit Erfolg. Die Bewährung wäre im Juni 2016 abgelaufen.

Was E. nicht zugab: Die Hormonbehandlung wirkte nicht. Zu groß war seine Angst, sich zu offenbaren, zurück in den Maßregelvollzug zu gehen — außerhalb jedoch löste sich E.s Alltagsstruktur auf. Er wurde einsam, gelangweilt und vor allem wütend, weil wegen der Medikation die sexuelle Befriedigung ausblieb. Es kam laut Basdekis- Jozsa zu einer Überflutung mit paraphilen Fantasien. Für E. eine ausweglose Situation. Als er im Juli 2015 Sina L. sah, sei er wieder seinem „Skript“ gefolgt.

Basdekis-Jozsa diagnostiziert bei E. eine sogenannte selbstunsichere Persönlichkeitsstörung, er habe eine multiple Störung der Sexualität mit Gewaltfantasien, nekrophilen und sadistischen Anteilen, Pädophilie sei nur ein Nebenanteil. E. könne seine Taten schlecht reflektieren, auch wegen einer leichten Intelligenzminderung (IQ: 67).

Wichtig für die Juristen: Die Expertin stellt eine „erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit“ fest. Das deutet auf Schuldunfähigkeit. Genau dies stellte der Anwalt der Nebenklage mehr als drei Stunden lang infrage. Folgte E. einem krankhaften „Skript“ oder waren es Vorlieben? Hätte er die Tat abbrechen können? Vor allem kritisierte der Anwalt, dass sich das Gutachten in großen Teilen auf E.s Aussagen stützt — aber dass E. vielleicht das aussagte, was alle hören wollten.

Sie habe keinen Anlass zu glauben, dass in der Klinik Fehler gemacht worden sind, sagte Basdekis-Jozsa und betonte: „Den Röntgenblick hätten wir alle gern.“ Die Prognose, dass er weitere sexuelle Straftaten begeht, sei sehr hoch: „Eine geschlossene Unterbringung ist unausweichlich.“

Der Prozess wird am 2. Mai mit den Plädoyers fortgesetzt.

Von sts

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