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Ostholstein „Nach der Flucht folgt oft die große Leere“
Lokales Ostholstein „Nach der Flucht folgt oft die große Leere“
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21:20 14.07.2016

Die Familientragödie aus Kellenhusen rückt ein ganz generelles Problem vieler Asylbewerber in Deutschland in den Fokus. Die syrische Familie war mit ihrer Lebenssituation nicht mehr zufrieden. Vater und Sohn suchten laut Bürgermeister Carsten Nebel (CDU) händeringend eine sinnvolle Beschäftigung, während die Mutter seit wenigen Tagen ehrenamtlich für die Gemeinde arbeitete.

Carsten Nebel sagte: „Der junge Syrer war sehr gefrustet, weil er nichts zu tun hatte.“ Deshalb wollte die Gemeinde auch schon seit längerem den Flüchtlingen dabei helfen, eine Beschäftigung zu finden. Der Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein hat das Problem auch erkannt. „Kleidung, Wohnung und Essen reichen nicht mehr aus“, sagt Andrea Dallek. Der Rat beobachte, dass viele Asylbewerber voller Tatendrang nach Deutschland kämen, dann aber vom Aufenthaltsrecht ausgebremst würden. „Nach der Flucht folgt hier oft die große Leere.“ Denn zunächst erhalten Flüchtlinge keine Arbeitserlaubnis und sie können auch den Wohnort nicht selbst bestimmen. Gerade im ländlichen Raum würden oft keine Deutschkurse angeboten oder es seien nicht ausreichend Plätze vorhanden. „Viele Asylbewerber sind zum Warten verdammt“, sagt Andrea Dallek. „Und das, obwohl sie teilweise hochqualifiziert sind“.

Ein weiterer Grund für Frust sei, dass viele Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak in ihrer Heimat wohlhabend waren – sonst hätten sie nicht die Kosten für die Flucht bezahlen können – und dann in Deutschland mit weniger Zuwendung als bei Hartz IV klarkommen müssten. Dallek: „Das nehmen sie wahr, das drückt die Stimmung.“

Dies und die fehlende Alltagsbeschäftigung führten zu Depression oder Aggression und sogar dazu, dass vereinzelt Flüchtlinge zurück in die Heimat reisen, um laut Dallek „dort bei ihren Familien zu sterben“. Ein generelles Manko in Deutschland sei laut Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein die sehr langsam funktionierende Bürokratie. Auch mangele es an Beschäftigungsangeboten aus den Bereichen Musik, Kultur, Sport oder auch ehrenamtliche Tätigkeiten. Um diese vorhalten zu können, müssten laut Dallek Strukturen durch Land, Kreis und Kommunen geschaffen werden. Dies geschehe zwar, allerdings zu langsam, denn einige Flüchtlinge seien bereits lange in Deutschland.

Der Kreis Ostholstein sei hier sehr aktiv, wie Pressesprecherin Anja Sierks- Pfaff mitteilt. In der vom Kreis geführten Gemeinschaftsunterkunft Lübbersdorf werde den Bewohnern angeboten, gemeinnützige Arbeit in der Unterkunft zu leisten. Zudem wird durch den Heimleiter zu Beschäftigungsmöglichkeiten in der näheren Umgebung, zumeist Oldenburg, beraten. Teilweise finden auch Veranstaltungen statt. Die Migrationsberatung Schleswig-Holstein berate in Fragen der Arbeitsaufnahme und bei migrationsspezifischen Problemen.

Peter Mantik

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